Donnerstag, 21. Juni 2012


Fianarantsoa – Gesichter einer Stadt

Fianarantsoa (Unterstadt)
So, inzwischen sind wir ja schon einige Wochen in Fianarantsoa, unserer vorläufigen neuen Heimat, wo wir, wenn alles läuft wie geplant, länger bleiben werden als in jeder Wohnung, die wir seit zehn Jahren hatten.

Die Stadt selber ist ein eigentlich gemütliches, im Vergleich mit Tana ruhiges Provinzstädtchen, das sich nicht nur räumlich ziemlich in die Länge zieht, sondern in dem sich auch alle Tätigkeiten in unerwartete zeitliche Dimensionen dehnen können:

Fianarantsoa (Ober- und Altstadt)
Sei es, dass man im Taxi-Bus von der „ville basse“ in die „ville haute“ fährt, dabei zuerst 15 Minuten im Taxi sitzt, bis es so voll ist, dass man sich nur noch in der Vertikalen bewegen kann (z.B. bei der ungebremsten Fahrt über knietiefe Schlaglöcher in einem Auto ohne Stoßdämpfer), und dann an jeder eigentlich nicht existenten Haltestelle wartet, bis fast alle ausgestiegen sind, sodass die Dame links vorne, die noch einen Sitzplatz ergattern konnte, aussteigen kann, bevor sich alle und noch zwei mehr ins Taxi drängen;
sei es, dass man bei einer Behörde ein Dokument beantragen muss, dort erst eine halbe Stunde auf den Beamten wartet, der aber, wenn er dann mal da ist, kurz, bevor man an der Reihe ist, aufspringt, um den gerade eintretenden Cousin der Freundin des Sohnes einer Geliebten des Bürgermeisters überschwänglich zu begrüßen und für eine weitere halbe Stunde mit ihm zu verschwinden;
sei es, dass man beim Einkaufen auf dem eben nicht supermarktmäßig sortierten Markt erst die Früchte und das Gemüse sucht, das einen an- und einem nicht die Schuhe auszieht, dann über den Preis verhandelt, und, falls man sich einigen kann, darauf wartet, bis die Verkäuferin sich bei einem der Nachbarverkäufer eine Plastiktüte geliehen hat, bevor sie merkt, dass sie auf den vom reichen Weißen hingestreckten 5000 Ariary-Schein (nicht ganz 2 Euro) kein Wechselgeld hat, und sich wieder auf die Suche nach einem Wechsler macht, um mit nicht mehr entzifferbaren, speckigen, nach Fleisch, Fisch, Kartoffeln, Schweiß, Erde und Arbeit riechenden zusammengeknüllten Papierfetzen zurückzukommen, die einmal Geldscheine waren und gegen den natürlichen Widerstand unserer Geldbeutel kämpfen müssen, um dort Einlass zu finden. Darauf folgt dann in der Regel ein kurzes Gespräch über unsere beiden kleinen, blonden, weiß- und weichhäutigen Attraktionen, die wir erst aus einem Knäuel von kleinen, schwarzhaarigen und schwarzhäutigen Belagerern befreien müssen, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollen...

Seiesseiesseies...

Um es kurz zu machen und die gerade gemachten Überspitzungen etwas abzustumpfen: Das Leben hier ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber in kaum einer Weise negativ. Im Gegenteil: Wir fühlen uns hier grundsätzlich durchaus wohl und gewöhnen uns immer mehr an das andersartige Leben, das tatsächlich sehr viele unterschiedliche Gesichter hat, von denen hier noch lose durcheinandergewürfelt ein paar erwähnt seien:

  • Neben dem eben erwähnten Markt auf der einen Seite gibt es auch die (wenn auch etwas spärlich gesäten) Geschäfte für diejenigen, für die 5.000 Ariary eben nicht der Verdienst eines ganzen Tages sind, sondern Peanuts, die sie sich damit auch kaufen. Wir selber bemühen uns, dort nur diejenigen Besorgungen zu machen, die zur Aufrechterhaltung der Standards vonnöten sind, die wir hier, v.a. für die Kinder, nicht aufgeben wollen (Windeln, Mückenvertreibestinkeplättchen (oder wie das Zeug sonst heißt), Klopapier, das nicht ganz so durchsichtig ist wie unsere Fensterscheiben, ab und zu mal eine Packung guter Kekse (noch haben wir keinen eigenen Ofen) usw.). Tatsächlich findet man hier – wieder entgegen unserer Erfahrungen im Zentrum des Endes der Welt – grundsätzlich fast alles, sodass sich keiner Sorgen machen muss, dass wir hier Hunger, Not und Elend leiden.
  • Neben der erwähnten „ville basse“, in der das kommerzielle Herz der Stadt schlägt, gibt es auch die „ville haute“, die Altstadt, deren Herz, ihrem deutschen Namen gemäß, in deutlich gemäßigterem Tempo stolpert. Es handelt sich da um eine idyllische Ansammlung von älteren Häusern auf einem Hügelgipfel, die von einer schönen alten Pflastersteintreppe als Hauptader durchzogen wird, auf der man bis zum alten Königinnenpalast, dem „Rova“, emporsteigen kann, von wo man eine wunderbare Aussicht über Fianar und die bergige Umgebung hat, eine Aussicht, die wir bei unseren ersten Besuch allerdings kaum in Ruhe genießen können, weil eine Horde (erstaunlich gut – der Don Bosco-Schule sei Dank) Italienisch sprechender ärmlichster Kinder uns belagert und uns anbettelt, selbstgemachte Postkarten zu kaufen, damit sie nicht betteln müssen... Auf unser erstes Vertrösten hin, beim nächsten Mal vielleicht etwas zu kaufen, schaut uns Luca ernst in die Augen und sagt im Brustton tiefer Überzeugung: „La prossima volta, saremo già morti.“ Seine Prophezeiung trat übrigens nicht ein, wir kennen uns inzwischen gegenseitig und haben ein fast freundschaftliches Verhältnis aufgebaut.
  • Neben den erwähnten „Manan-karena“ (wörtlich: diejenigen, die Reichtum haben), die auch jede Gelegenheit nutzen, um anderen zu zeigen, dass sie was haben, was andere nicht haben (dicke Autos, dicke Bäuche, dicke Uhren, schicke Anzüge, französische Kurzhaarfrisuren (bei den Frauen)...), gibt es, deutlich zahlreicher, auch diejenigen, die nicht nur keinen Reichtum haben, sondern so gut wie weniger als kaum etwas, und die, ohne es zu wollen, zeigen, dass sie nichts von dem haben, was andere haben. Dazu gehören die (durch Padre Pedro in Tana wohl berühmt gewordenen) Frauen und Kinder, die auf den öffentlichen Mülldeponien nach Essensresten suchen ebenso wie „unser“ Clochard, der an der Ecke auf dem Weg zu VOZAMA neben einem Müllcontainer auf dem Gehweg zu Hause ist und jeden Tag einen anderen Film dreht: Heute spricht er wie ein Radioreporter in ein gebogenes Drahtseil, gestern hielt er eine feierliche Rede, morgen sitzt er mit stierem Blick auf dem Boden und starrt ins Leere.
  • Menschen, die sich über Wasser halten.
    Daneben müssen aber auch all diejenigen, deutlich weniger ins Auge Fallenden erwähnt werden, die unserem Eindruck nach den Großteil der Bevölkerung ausmachen; diejenigen, die so gerade genug zum Leben haben und sich mit Straßenverkäufen, Frisör-„Salons“ (die auch Mittagessen, Telefonkarten oder Obst verkaufen), „Copyshops“, Fahrradreparaturen oder sonstigen Arbeiten über Wasser halten. Wir haben die meisten Menschen hier als immer freundliche, zuvorkommende und hilfsbereite Personen erlebt, die – wieder einmal im Gegensatz zu Ihr-wisst-schon – eher zurückhaltend und still sind. Gelassenheit? Fatalismus? Resignation? Der hohe Alkoholkonsum (1,80 Euro die Flasche einheimischer Rum) an Wochenenden und Feiertagen lässt eher auf Letzteres schließen.
  • Einen Gegensatz dazu bieten wohl die Sonntage, an denen sich das Erscheinungsbild dieser Menschen komplett ändert (zumindest vormittags, wo sich der Alkoholkonsum noch in Grenzen hält): Sind sie im Alltag barfuß oder in abgewetzten Flip-Flops unterwegs, mit löchrigen Hosen oder schmutzigen T-Shirts, so vollziehen sie an den Sonn- und Feiertagen eine schmetterlingsraupenhafte Verwandlung: glänzende Schuhe, die Männer mit Hemd und Anzugshose, die Frauen und Mädchen in rosarote, knalllila oder hochzeitsweiße Kleider gepackt, die sie in Barbies, Erdbeer-Bonbons oder Brautjungfern verwandeln. Mag man über den Geschmack auch streiten, es ist nicht abzustreiten, dass es ihnen ein großes Anliegen ist, sich würdig und schön zu zeigen. Wir kommen uns demgegenüber sonntags etwas schäbig vor, haben wir doch gerade die etwas schickeren Sachen (soweit wir welche hatten) zu Hause gelassen und fallen in unserem Alltags-Look aus dem feiertäglichen Rahmen.
  • Nicht wegzudenken aus der Stadt sind die „Chariots“, kleine Holzwägen, die zum Transportieren von Waren dienen, oder, auf dem langen Nach-Hause-Weg, als Schlafstätte für den kleinen Bruder oder die kleine Schwester, die mit auf den Markt gekommen sind. Die Chariots sind selbstgemachte, aus Holzbrettern zusammengeflickte Wägen mit schiefen Rädern, die ein bisschen an die Einkaufswägen für schwere Lasten in unseren Baumärkten denken lassen, die aber mit Bremse und Lenkung ausgestattet sind, was es den Fahrern erlaubt, wenn es bergab geht, volles Risiko zu gehen und ohne Rücksicht auf Verluste (ihrer Gesundheit, der von Passanten, oder der Räder ihrer Fahrzeuge) die Abfahrten wortwörtlich „herunterzubrettern“. Bergauf geht es da meistens schwerer, v.a. wenn die Chariots mit Ziegeln, Zement, Holzkohle, geschätzten 100 kg Mandarinen oder tonnenweise Reis beladen sind; dann helfen nicht nur zwei oder vier weitere Arme beim Schieben, sondern auch die dazugehörigen Köpfe, was ein vorausschauendes, sicheres Fahren im ohnehin chaotischen Verkehr nicht einfacher macht.



Dies sind nur wieder ein paar Momentaufnahmen, die ein paar erste Eindrücke der Stadt widerspiegeln sollen. Ich könnte stundenlang so weitermachen, merke aber, dass ich eigentlich vom Thema, das viele von euch wohl noch mehr interessiert, abkomme, bzw. gar nicht erst hinkomme: Wie und wo wir hier wohnen, was und wie wir hier essen sowie wann und wie und was und wo wir hier arbeiten. Der nächste Post ist dafür reserviert.

P.S.: Ich war in der letzten Zeit etwas Foto-faul. Die Bilder hier haben daher nur wenig mit dem Text zu tun. Ich gebe mir aber mühe, da bald etwas nachzureichen.
Unser "erstes" Chamäleon.