Mittwoch, 5. September 2012

Die Arbeit



So, da sind wir mal wieder.
Die längere Blog-Pause, die inzwischen einige bemängelt haben, spricht ja eigentlich schon für sich: Wir haben uns nicht nur in unserem Alltagsleben hier ganz gut eingewöhnt, sondern auch die Arbeit wurde zunehmend intensiver und zeitaufwändiger und ließ weniger Muße für Blogeinträge. 
Das nehme ich zum Anlass, heute etwas genauer zu beschreiben, was genau wir hier so als „Entwicklungshelfer“ treiben, wie das im Alltag aussieht und wie wir uns dabei fühlen. Etwas "trockenere" Kost vielleicht, aber letztlich auch das Grundnahrungsmittel unseres Aufenthalts hier...

Die Aufgabe
Ich fange vielleicht lieber noch einmal kurz bei Adam und Eva an, damit auch diejenigen, die durch das Babel-Turm-Chaos etwas verwirrt sind, guten Mutes in den knackigen Apfel der Erkenntnis und des Verstehens beißen können.

Wir arbeiten hier in Fianarantsoa für ein von Misereor finanziertes Alphabetisierungsprogramm, das in zwei großen Regionen (Fianarantsoa und Ambositra, ca. 150 km nördlich von hier) ca. 750 Dorfschulen in entlegenen Gebieten betreut, in denen ca. 11 000 Schüler zwischen 5 und etwa 10 Jahren eingeschult sind. Das Programm schließt eine Lücke, die sich durch die schlechte Infrastruktur staatlicher Schulen aufgetan hat, und führt so auch Kinder aus extrem armen und abgelegenen Gebieten an eine Schullaufbahn heran (Genaueres findet man unter den Links, die ich im allerersten Post angegeben habe).
Dieses Projekt wird bisher von einem charismatischen und sehr engagierten Ordensbruder aus dem Elsass geleitet, der mit viel Herz und genauso viel Verstand das gute Funktionieren des Projekts garantiert. Nun hat er aber ein gewisses Alter erreicht, das dazu verpflichtet, an die langfristige Zukunft des Projekts zu denken; gleichzeitig gehört es zu einer der Grundüberzeugungen von Misereor, dass alles, was von Einheimischen selbst gemacht werden kann, auch von ihnen gemacht werden sollte, sprich: dass in absehbarer Zeit die Leitung des Projekts in madagassische Hände übergehen soll.
Um diese Zukunftsplanung und diese Übergangsphase zu begleiten, wurde eine Stelle ausgeschrieben, die ich nun besetze. Hauptziel meiner Arbeit ist also, gemeinsam mit Frère Claude, dem Ordensbruder, die Zukunft des Projekts zu planen und die notwendigen Schritte dafür einzuleiten.

Anmerkung 1: Für viele hier ist diese Mission eine „mission impossible“, und zwar nicht nur für die Franzosen in Europa und in Madagaskar, die mit dem Projekt zu tun haben, sondern auch für so manchen Einheimischen: Es herrscht die Grundüberzeugung vor, dass eine vertrauenswürdige und zuverlässige Projektleitung, insbesondere im finanziellen Bereich, nur von Weißen geleistet werden könne und eine madagassische Zukunft des Projekts unvermeidlich zu seinem Untergang führen müsse. Viele der dabei vorgebrachten Einwände und Zweifel sind, meiner Meinung und Erfahrung nach, sehr gut nachvollziehbar; ich glaube aber nicht, dass sie dazu berechtigen, den Versuch erst gar nicht zu wagen. Wesentlich für mich ist dabei die schon angesprochene Grundüberzeugung, dass Entwicklung nur dann wirklich geschehen kann und nachhaltig wirksam ist, wenn sie die betroffenen Menschen vor Ort dazu befähigt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und dafür Verantwortung zu tragen. Was von außen gesteuerte und mit viel Geldmitteln aufgepumpte 'Entwicklungshilfe' bewirkt, zeigt der zweifelhafte 'Erfolg' vieler Projekte der Entwicklungshilfe der letzten Jahrzehnte.
Wir sehen uns also tatsächlich als „Entwicklungszusammenarbeiter“, deren Ziel es ist, sich selbst überflüssig zu machen, weil sie Kompetenzen, Wissen und Verantwortung den Menschen vor Ort übertragen wollen.

Anmerkung 2: So sehr wir grundsätzlich von diesem Vorgehen auch überzeugt sind, es bringt doch auch einen Aspekt mit sich, der uns noch etwas zu schaffen macht: Dadurch, dass wir v.a. mit den Menschen auf der Ebene der Verwaltung und des 'Managements' zu tun haben, kommt der direkte Kontakt mit den unmittelbar Betroffenen kürzer, als wir das durch unsere Arbeit und unsere bisherige EZ-Erfahrung gewöhnt sind und uns wohl auch gewünscht haben. Wir werden sehen, was sich in diese Richtung noch machen lässt, momentan ist das aber eine gewisse Herausforderung für uns beide.

Im Detail...
… bedeutet diese Aufgabe eine sehr vielschichtige und abwechslungsreiche Arbeit.
Die übergreifende und alles andere begleitende Hauptaufgabe besteht in der Beratung und Begleitung des momentanen Direktors sowie seines designierten Nachfolgers (wobei es zunächst einmal darum gehen wird, diesen überhaupt zu finden). Diese Arbeit eines Beraters ist sehr spannend und manchmal etwas knifflig, wenn es darum geht, divergierende Interessen in Einklang zu bringen und Kompromisse zu finden, unangenehme Themen anzugehen oder auch nur zu versuchen, Klarheit in Probleme und in mit ihnen verbundene Intentionen und Gefühle von beteiligten Akteuren zu bringen.

Es handelt sich dabei um eine Rolle, die sowohl eine große Nähe und Verbundenheit mit den Beteiligten verlangt, gleichzeitig aber auch eine gewisse Distanz und einen Blick von außen erfordert, der eine vollkommene Identifikation oder ein völliges Aufgehen in der Alltagsarbeit der Organisation verbietet. Damit befinde ich mich immer wieder in einer Zwischenstellung zwischen Nähe und Distanz, die durchaus vorteilhaft sein kann, manchmal aber auch gar nicht einfach auszuhalten ist. Dennoch macht mir diese Rolle bzw. Arbeit sehr viel Spaß, gerade weil es nicht nur um das emotionslose, technische Planen von Organisationsentwicklung geht, sondern auch sehr viele menschliche und zwischenmenschliche Aspekte beinhaltet sind, die das Ganze lebendig und spannend machen.

Neben dieser Hauptaufgabe steht vor allem die sehr enge Zusammenarbeit mit den Angestellten von VOZAMA, sowohl hier in Fianarantsoa als auch mit der Mannschaft in Ambositra, was regelmäßige Reisen dorthin einschließt. Es geht dabei zunächst einmal um Bewusstseinsarbeit, das Schaffen von Verständnis für Strukturen und Strategien, dann aber auch um die Einführung von mehr Partizipation in der Leitung und Durchführung des Projekts sowie um zunehmende Übertragung der Verantwortung auf die Angestellten.
Dies schließt eine Neu- bzw. Umstrukturierung der bestehenden Projekt-Organisation ein, mit dem Ziel, eine mehr gremienbasierte und partizipativere Organisation auf die Beine zu stellen, eine Arbeit, die natürlich in sehr engem Kontakt mit dem Leiter, Frère Claude, geschieht.
Schließlich geht es auch um die Planung, Organisation und teilweise auch Durchführung von spezifischen Fortbildungen in verschiedenen Bereichen, so v.a. in Bezug auf die Kommunikation mit den europäischen Geldgebern – was die Verbesserung der Französisch-Kenntnisse beinhaltet – , in Umgang mit modernen Medien, in Planung und Evaluation, interner Kommunikation usw.

Auf einer etwas anderen Ebene siedelt sich die Aufgabe an, den legalen Status der NGO Vozama zu überprüfen und in Ordnung zu bringen, was u.a. das Ins-Leben-Rufen eines Verwaltungsrats und die Neufassung der Statuten und des internen Reglements beinhaltet. Hier ist recht viel Kontakt mit Bischof und Diözese, mit Ministerien und Behörden und mit anderen größeren NGOs angesagt. Momentan befinde ich mich hier aber noch im Stadium des Auslotens und Verstehens, bevor es dann wohl in den nächsten Monaten konkreter wird.

Schließlich gehört zu meiner Arbeit auch noch die Beratung und Begleitung der pädagogischen Mitarbeiter und, gegebenenfalls, die Anpassung der pädagogischen Konzepte. Auf dieser Ebene ist bisher noch nicht sehr viel geschehen, dies v.a. deswegen, weil hierfür eine genauere Kenntnis der pädagogischen Praxis von VOZAMA und ein längeres Hospitieren in den Dorfschulen und bei den Lehrerfortbildungen nötig ist; andererseits ist das, wie sich die meisten vorstellen können, aber auch ein Aspekt, der mich besonders interessiert und reizt.

Soweit erst einmal ein kurzer Überblick über die Aufgaben und Tätigkeiten, mit denen ich hier im Alltag zu tun habe, damit meine Arbeit hier für euch nicht allzu abstrakt bleibt.

Was Daniela betrifft, so hatten wir ja von vornherein beschlossen, dass sie sich zunächst einmal darum kümmert, dass die Kinder sich in Ruhe und im Gefühl der Sicherheit einleben können und wir dann, wenn dies erreicht ist, uns nach einer Betätigung für sie umsehen. Da Sarah und Noemi sich ja inzwischen sehr gut eingewöhnt haben und Daniela sich gewisse Freiräume schaffen kann, sind wir momentan dabei, nach einer ansprechenden und sinnvollen Tätigkeit für sie zu suchen. Am günstigsten wäre ebenfalls ein Engagement bei VOZAMA, weil dies zwar keine finanziellen, dafür aber versicherungs- und vertragstechnische Vorteile mit sich brächte. Hier bieten sich auch durchaus Möglichkeiten, v.a. im Gesundheitsbereich des Projekts, der sich um Notfälle und schwere Erkrankungen von Schülern sowie um Gesundheitserziehung und Sensibilisierung bei den Eltern kümmert. Das ist momentan der heißeste Pfad, er ist aber jetzt noch genauer auszuloten.
Ansonsten wäre es sicherlich auch möglich, dass Daniela in Krankenstationen mitarbeitet oder sich einem anderen Projekt anschließt, in diese Richtung werden wir aber erst suchen, wenn sich eine Mitarbeit bei VOZAMA als nicht sinnvoll erweist.

So, das war mal eine Information darüber, dass wir hier nicht (nur) Urlaub machen, Lemuren fotografieren und Chamäleons jagen, sondern tatsächlich auch - so hoffen wir zumindest - etwas Sinnvolles für die Menschen hier tun.
Im nächsten Eintrag geht es dann wieder mehr um unser 'außerarbeitliches' Alltagsleben... ach ja, und vielleicht auch um ein paar Lemuren und Chamäleons und unseren erste Urlaub...