Montag, 17. Dezember 2012

DIES UND DAS, HIER UND DA, DANN UND WANN

Mit anderen Worten: Heute kommt mal wieder ein bunter Mix aus wichtigen und unwichtigen, langen und kurzen, lustigen und nachdenklichen, alltäglichen und außergewöhnlichen, deutschen, italienischen, französischen und – siehe da – auch madagassischen Neuigkeiten (die teilweise auch schon ein bisschen Älterigkeiten sind).

Regenzeit

Regen-Bogen-Zeit

Und da ein richtiger Small-Talk mit dem Big-Topic „Wetter“ anfängt, hier gleichmal die seit Wochen gleiche und wohl noch wochenlang gleich bleibende Wetterlage aus Fianarantsoa: Rechtzeitig zur Advents- und Weihnachtszeit ist es hier so richtig kuschelig geworden. Wir erreichen konstant unsere 25-30 Grad tagsüber, meistens mit mehr oder weniger verdiesigtem oder verwindetem Sonnenschein, der dann regel- und regenmäßig in Blitz und Donner übergeht, oft von Starkregen begleitet, der die Baustelle um uns herum in einen tückischen, üblen Pfützentümpel verwandelt, gleichzeitig aber auch das frisch angelegte Gärtchen um unser Häuschen herum wachsen, sprießen und gedeihen lässt (dazu unten mehr... ich schwelge gerade im deutschen Wortschatz und möchte da nicht unterbrochen werden...). Da wir auf einer Bergkuppe angesiedelt sind, haben wir zwar den Überblick über die potentiellen Bodentruppen und die Kriegsschiffe auf den Pfützen, die uns in Gefahr bringen könnten, sind aber auch den Feinden von oben, v.a. den zeusigen Donnerblitzen, so ziemlich hilflos ausgeliefert, nicht zuletzt, weil die chinesischen Blitzableiter wohl auch aus Plastik sind und genauso viel taugen wie der Rest der Produkte marginaler Qualität aus dem Reich der Mitte. Das hatte zur Folge, dass bei uns die Warmwasseraufbereitungssolaranlage (ja, die deutsche Sprache ist schon toll!!!) mit einer leichten Verwundung das Schlachtfeld verlassen musste, während das Internet-Modem bei Vozama einen heldenhaften Tod durch Verschmoren starb.
Der erste Regen nach der
Trockenzeit wird gefeiert.
Dafür kommen wir dann abends in den Genuss, von der Veranda aus wundervolle Blitze und Wetterleuchten durch den kriegerischen Himmel zucken zu sehen, und einmal im Bett, können wir den moskitonetzigen Himmel über unseren Köpfen bettdeckenfrei bestaunen, da auch nachts das Quecksilber selten unter die 20-Grad-Marke sinkt.
Kurz und gut, nach dem langen, kalten Winter in Deutschland, der von dem langen, frischen Hochland-Winter nach unserer Ankunft hier in Fianarantsoa abgelöst wurde, sind wir überglücklich, endlich wieder ein bisschen Wärme, Sonne und Eierkuchen abzukriegen!



Essen
Noemi bestaunt ihre
Kokostorte zu ihrem
zweiten Geburtstag.
Dieser madagassische Sommer hat dabei noch einen anderen großen Pluspunkt: Es ist die Zeit des Wachstums, der Reife und damit des kulinarischen Schwelgens. Konkret heißt das momentan, dass wir an Litschitis und Mangokokken leiden, zwei Formen extremer Abhängigkeit, die durch die Allgegenwärtigkeit der Produkte und ihre Spottpreisigkeit noch begünstigt werden. 2 ½ kg Litschis sind da an einem Abend schon mal verputzbar, vor allem, wenn sie nicht mehr als 20 Ct / kg kosten (Mangos liegen bei 30 Ct / kg; für uns Obstsüchtige ist das dasselbe, wie wenn ein Raucher die Packung Zigaretten für 50 Ct kriegen würde). Dazu kommen in Hülle und Fülle Papayas, Kokosnüsse, Bananen, Bananen, Bananen, Passionsfrüchte, Corossol, Bananen, Coeurs de boeuf, Kochbananen, kleine Bananen, rote Bananen, bananige Banenen... dazu (ohne politisch werden zu wollen) im grünen und roten Bereich Kohl, Zucchini, Tomaten, Salate, Zwiebeln, Karotten, Spinat, Paprika, Maniokblätter, viele andere uns nicht bekannte, aber gut schmeckende Grünigkeiten, und und und.
Manchmal könnte man sich auf dem Markt wie in der Frische-Abteilung des Weil der Städter E-Centers glauben, mit dem Unterschied, dass die Produkte hier nicht nur nichts kosten, sondern auch noch richtig gut schmecken! (Naja gut, was Hygiene und Sauberkeit betrifft, kriegt das E-Center einen Punkt; damit steht es aber immer noch 2:1 für den Markt hier...)
Die Beilage zu all dem ist hingegen etwas weniger abwechslungsreich: Für den normalen Madagassen ist sie morgens, mittags und abends klein, weiß und reisig. Die Allgegenwart der Reisfelder hat ihre Auswirkungen auf die Omnipräsenz von Reis auf den Tellern. Das ist aber letztlich nur Gewöhnungssache und außerdem sind wir dann ja doch (noch?) keine normalen Madagassen, sodass wir da auch mal Pasta oder Kartoffeln auf unseren Tellern vorfinden, wenn wir uns überreist fühlen.
Was die Proteine betrifft, so hätten wir auch da alle Möglichkeiten, angesichts eines Preises von 2 bis max. 3 Euro pro kg Rindfleisch, Schweinereien allüberall, überfahrenen Hühnern, mit Moskitonetzen gefangenen Fischen... ; wir bleiben da aber bisher unseren Gewohnheiten treu und üben uns in Zurückhaltung, auch wenn wir ab und zu mal etwas Neues probieren, was Noemi toll findet und Sarah zum Heulen:

I'M LOVIN' IT!
Schrecken-
Knusperer.
Um genau zu sein, auch Sarah hatte ihre erste Heuschrecke mit Wohlgefallen geknabbert, als sie dann aber die zweite genauer anschaute und sich Auge in Auge mit einem knusprig gebratenen Heuschreckengesicht befand, änderte sich ihre Meinung schlagartig.




Knusper-Schrecken.













 Weihnachten
Was den kulinarischen Aspekt von Advent und Weihnachten betrifft, so haben wir natürlich Glück, in dem Land zu leben, in dem Vanille, Zimt und Pfeffer in Hülle und Fülle wachsen, sodass Vanillekipferln, Zimtsterne und Pfeffernüsse besser als jemals gelingen sollten; andererseits fehlen uns aber auch wesentliche Zutaten wie Mandeln oder Haselnüsse, sodass wir zwar viel Vanille, aber wenig Kipferln, Zimt ohne Sterne und Pfeffer ohne Nüsse backen. Das Resultat ist aber doch ganz ansehnlich und gutschmecklich und wir kriegen so etwas Weihnachtsstimmung ins Haus, auch wenn draußen die 30 Grad-Marke immer häufiger überschritten wird.
Dazu kommt, dass wir auch ein madagassisches Adventsgesteck gemacht (Baumrinde, Pinienzapfen, Moos) und Wichtel aus Buntpapier sowie Schneemänner aus Klopapierrollen gebastelt haben – was insgesamt eine nicht wirklich einheitliche, aber jedenfalls lustige und bunte Mischung von Weihnachtsstimmungsmachern macht und uns erlaubt, auf chinesische Kitschkugeln und Flitterflunker zu verzichten.

Unser Adventsgesteck mit seinen
beiden Leibwächtern.
Welcher ist wohl von Sarah?
 Unser Häuschen


Ausstellungsort für unsere Kunstwerke ist unser Häuschen, das inzwischen gänzlich fertig gestellt und mit einem hübschen, im Wachsen begriffenen Gärtchen drumrum versehen wurde. Vozama hat ein typisches Hochland-Haus gebaut, aus terrakotta-braunen Lehmziegeln, mit Holzveranda und Säulenarchitektur; von innen haben wir dank der fleißigen Arbeit eines französischen Ingenieurs allerdings eher europäischen statt madagassischen Standard: Kabel, die in den Mauern verlaufen und nicht kreuz und quer an den Wänden, echte Fenster aus Glas, die zwar sehr frei-luft-zügig sind, aber insgesamt doch ihre Funktion erfüllen; Internetanschluss (an das Modem von Vozama nebenan); eine Solar-Warmwasseranlage auf einem roten Metalldach, dass bei Regen zwar mächtig an Buschtrommeln denken lässt und dessen Löcher die eine oder andere Pfütze im Schlafzimmer bescheren, das uns aber ansonsten auch in der Regenzeit bisher gut vor Wind und Wetter geschützt hat. Dazu kommt für die Wintermonate ein Kamin, der zwar nicht das Haus erwärmt (dazu sind die 2-4 Zentimeter großen Schlitze unter den Türen oder an den Fenstern doch zu durchlässig), aber doch unsere Füße und unsere Herzen.
Selbstgemachte Papier-
Blumenwiese.
Wir fühlen uns hier also insgesamt sehr wohl, die Größe ist genau richtig (EG: 1 kleine Küche, 1 Wohnzimmer, 1 Badezimmer, 1 Abstellraum; OG: 1 Schlafzimmer, 1 Spielzimmer, 1 Kinderschlafzimmer, 1 Badezimmer; insgesamt so um die 90 m², denke ich) und mit dem Verschwinden der Baustelle und dem konstanten Wachstum des Gartens (unglaublich, wie das Grünzeug wächst, wenn es wie jetzt bei 25-30 Grad jeden Tag 1-2 Stunden regnet) wird es so richtig wohnlich um uns herum.
Party im Kinder-
Zimmer.
Etwas schade dabei ist, dass Vozama, um ein Zeichen der Transparenz und Offenheit zu setzen, noch bevor das Haus geplant war, das Gitter zur nahen Straße hin eben als Gitter und nicht als Mäuerchen geplant hat; das führt momentan dazu, dass wir als Fremde - „vazaha“ - und Weiße auf dem Präsentierteller der Neu-Gier der unzähligen vorbeilaufenden Menschen ausgesetzt sind, insbesondere der fast tausend Schüler des sich neben uns befindenden Collège, für manche von denen es das Highlight des Tages sein muss, einen Blick auf uns, die Kinder oder in unser Haus zu erhaschen; das wird durch die neue Bushaltestelle genau gegenüber auch nicht besser, wo sich nun täglich die wartenden Menschen die Wartezeit damit vertreiben, „cinema vazaha“ zu schauen, wie wir es nennen. Inzwischen haben wir allerdings auch provisorische Bambusmatten montiert und eine Bougainvillea gepflanzt, die dann, wenn wir nicht mehr da sind, einen guten Sichtschutz geben sollte...


 Katzen

Mit uns im Haus leben übrigens auch zwei Katzen (Balou und Milka; Balou ersetzt die verschwundene und inzwischen wohl auf dem Markt oder in einer Pfanne gelandete Heidi), die wir den Kindern in Deutschland schon versprochen hatten und die, auch wenn Patrick Katzen gar nicht mag, uns doch von Kakerlaken und sonstigen Kriech- und Schleichtieren befreien (gerade hat Balou einen Frosch unter meinem Stuhl verzehrt...). Dass es echt madagassische Katzen sind, zeigt sich an ihrer Ruhe und Geduld, vor allem wenn Noemi und Sarah sie permanent herumtragen (mit Noemis mörderischem Halswürgegriff) und Sarah ihnen das Laufen auf zwei Pfoten beibringen will oder sie als Kopfkissen oder Umhängepelz verwendet. Bis auf ein paar Kratzzeichen und Blutspuren sind die Kinder aber bisher heil davongekommen und es scheint so, als ob sich die Katzen – gut madagassisch – in ihr Schicksal finden würden.









Sarah in der Schule
Gut, ja sehr gut in ihr Schicksal findet sich auch Sarah, die inzwischen freudig und hochmotiviert in den französischen Kindergarten hier geht, der zwar durch seine Disziplin und die Strukturiertheit des Lernens eher einer frühen Grundschule ähnelt (was will man von einer „école maternelle“ auch anderes erwarten), in dem Sarah dafür aber umso mehr lernt und gleichzeitig viele viele bunte FreundInnen gefunden hat: Madagassen, Malgacho-Französinnen, Franko-Australier, Chinesinnen, echte Französinnen, falsche Französinnen, solche, die es waren, und solche, die es immer schon werden wollten... Und das Ganze auf Französisch, einer Sprache, die sie ja erst hier gelernt hat, und in der sie inzwischen genauso geschwätzig ist wie in Deutsch oder Italienisch (wir werden später ein Auge auf die Telefonkosten haben müssen!).
In der Tat trennt sie sauber zwischen Italienisch mit Daniela, Deutsch mit mir und Französisch mit Noemi (!); auch ein bisschen Madagassisch ist manchmal dabei, etwa mit dem Gärtner, den Bauarbeitern oder unserer Haushaltshilfen-Tagesmutter, aber das hält sich dann doch noch in Grenzen.
Die Tagesmutter haben wir für Noemi, die sich auch sofort an sie gewöhnt hat und problemlos längere Zeit mit ihr alleine zu Hause bleibt. Welche Sprache Noemi sprechen wird, bleibt das große Rätsel. Momentan deutet aber alles darauf hin, dass sie Sarah in der Sprachbeherrschung und in der Quantität ihrer Wortausschüttung pro Sekunde in nichts nachsteht!
Sarah während einer Tanzaufführung ihrer Kindergartenklasse.

Sprache
Damit zu einem letzten Punkt für heute, der Sprache. Während die Kinder ja tatsächlich kinderleicht die neuen Sprachen lernen, mit denen sie hier konfrontiert sind, geht das bei uns Erwachsenen etwas langsamer. Patrick besucht zwar immer noch zweimal pro Woche Sprachkurse in Madagassisch und die Grammatik fängt langsam an, sinnhafte Gestalten in seinem Gehirn anzunehmen, das flüssige Sprechen und das flüssige Verstehen des flüssigen Sprechens hinken da aber noch ein bisschen hinterher. Problem ist für uns vor allem, dass
  1. alles gleich klingt, insbesondere weil man außer „a“ kaum andere Vokale hört,
  2. die wenigen hilfreichen Phoneme, die ein Verständnis erleichtern könnten, beim Sprechen verschluckt werden,
  3. die Sprache sehr viele Homonyme und Polyseme enthält,
  4. es noch viele andere Seltsamkeiten, Besonderheiten, Hürden und Fallen gibt und
  5. die Sprache überhaupt irgendwie anders ist.
    Das ließe sich jetzt linguistisch zwar noch genauer erklären, ich erspare euch das aber für heute einmal und begnüge mich mit einem kleinen Beispielsatz:
Amin’izay samy miara-mihosona daholo fa nahoana no izy ihany no anaovana fandroahana hoatran’ny olona tsy misy vidiny tahaka an’izao ?

Mit diesen (ich gebe es zu, ohne Sinn und Hintergedanken aus dem Internet kopierten) Worten grüßen wir euch alle herzlichst aus dem sommerlichen Fianarantsoa und wünschen euch ein gemütliches, besinnliches und bereicherndes Weihnachtsfest! Wir würden uns riesig freuen, mit dem einen oder der anderen während der Ferien über Skype plaudern zu können!

Veloma, amin'ny manaraka indray!












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