Mittwoch, 18. Dezember 2013

TRATRY NY FETY


Da wir über Weihnachten und Neujahr nicht vor Ort sein werden, hier schonmal unser jahresendzeitlicher Gruss!
Wir wünschen euch allen von Herzen ein besinnliches, gesegnetes und erholsames Weihnachtsfest und ein glückliches, gesundes und spannendes neues Jahr - also so ungefähr das, was auf dem Spruchband auf dem Foto steht!


Girlanden, Speiseöl, Spielzeug, Sardinen, Kondensmilch...

Hauptsache, es blinkt!



Wir werden Weihnachten dieses Jahr in einem Fischerdorf an der Südküste verbringen und haben die Hoffnung auf ein weisses Weihnachten daher fast aufgegeben (auch wenn die Chinesen da sicherlich auch bald eine Plastik-Schnee-Version importieren werden...).

Ach ja, ein paar neue Familienbilder gibt es wieder im Picasa-Fotoalbum.
Jesus kann nicht schlafen, weil alles so bunt blinkt und glitzert...

Noch einmal liebe Grüsse!

PaDaSaNo

Samstag, 16. November 2013

Nach den Walen, nach den Wahlen und vor den Wahlen


 Farbe bekennen

Schwarz-rot oder schwarz-grün? Die Frage, die sich in Deutschland nach der Bundestagswahl gestellt hat, ist hier im Hochland Madagaskars schon längst beantwortet: Obwohl es doch eigentlich kaum etwas Konservativeres gibt, als Inselbewohner, die in abgelegenen Regionen in den Bergen hausen und als Bauern tätig sind, so sind hier die Weichen seit etwa zwei Wochen klar auf rot-grün gestellt. Das hat allerdings nichts mit der politischen Parteienlandschaft zu tun, die so vielfältig und bunt ist, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht (33 Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen sind ja eine stolze Zahl; ursprünglich waren es sogar 41), was dann trotz massiver Abholzung der Hoffnungen der Landesbewohner zu wahrer Aussichts-losigkeit führt, sondern viel mehr mit der wirklichen Landschaft, die sich seit einigen Tagen in einem grünen Rausch befindet.
Denn mit den ersten heftigen Gewittern, die gleich zweimal unser Internet-Modem bei Vozama derart in Angst und Schrecken versetzt haben, dass es kokelnd und schwelend seinen Geist aufgegeben hat, hat auch die Regenzeit eingesetzt, welche die Natur regelrecht explodieren lässt. So haben sich die vor kurzer Zeit noch recht trostlosen grau-rötlichen Täler, in denen große, trockene Erdschollen die Reisterrassen übersäten, in grüne, wogende Reis-Halm-Meere verwandelt, die sich wie Zungen zwischen den warmroten Hügeln dahinziehen, auf denen hier und da kleine Gruppen aus Lehmhäusern derart mit der Landschaft verschmelzen, dass sie kaum als Menschengebilde ausgemacht werden können.
Momentan sind somit die Farben der madagassischen Flagge tatsächlich repräsentativ für das, was sich dem Auge des Betrachters hier bietet.

Blumenverkauf zu Allerheiligen.


Mit dem Regen kamen auch die Blumen.
Schwergewichte

Betrachtet man die Situation des Landes allerdings unter eher politischen Gesichstpunkten, so hängt dieselbe Flagge immer noch eher auf Halbmast, auch wenn in den letzten Tagen und Wochen oft das madagassische Ehrgefühl angerufen und heraufbeschworen wurde. Beides, Realität und Appell, hängen mit den Präsidentschaftswahlen zusammen, die am 25. Oktober die erste Runde absolviert und dazu geführt haben, dass am 20. Dezember nur noch zwei Kandidaten in den Ring steigen, um das höchste Staatsamt und damit die höchsten Selbstbereicherungsmöglichkeiten unter sich auszuboxen.
Nach der Wahl. Das Hochglanzimage verbleicht.
Dass solche Möglichkeiten schon in den letzten Jahren zur Genüge ausgeschöpft wurden, zeigt die Wahlkampfkampagne mancher Kandidaten, die sich laut relativ offiziellen Quellen für einige von ihnen auf bis zu 10 Millionen USD belaufen. Zu solchen Kosten gehören dann z.B., dass sich solche Kandidaten im Hubschrauber von Stadt zu Stadt bewegen oder großzügigst mit Wahlgeschenken umgehen; so hatte einer der Kandidaten offenbar über 300 Allradwagen bestellt, um sie für den Wahlkampf zu benutzen (und sie im Falle eines Sieges an die Armee zu verschenken!), allerdings wurden diese von der momentanen Regierung im Hafen blockiert, bis die Wahlen vorüber waren (oder sie mussten erst die eigenen Schiffe auslaufen lassen, die mit Tonnen von Rosenholz beladen sind, das illegal nach China verschifft und dort zu schwindelerregenden Preisen verkauft wird). Weniger dramatisch, dafür umso sicht- und hörbarer gestaltete sich dahingegen die alltägliche Kampagne, bei derT-Shirts, Schirmmützen und Fähnchen mit den Gesichtern der Kandidaten an das wahlwillige (oder so wahlwillig gemachte) Volk verteilt, alle beklebbaren Flächen der Stadt mit unzähligen nichtssagenden Plakaten bekleistert oder große Werbeveranstaltungen organisiert wurden, für die, um nicht vor leerer Kulisse abzulaufen, Geld an die Zuschauer oder Umzugswilligen verteilt wurde; weniger lustig fanden wir hingegen die Buschtaxis, die, anstatt nach Ambositra, Antsirabe oder Antirananana zu fahren, gegen Bezahlung die Stadt unermüdlich von morgens bis abends durchkreuzten, mit riesigen Lautsprechern schlecht-scheppernder Qualität auf dem Dach, um bekannt zu geben, wer der beste unter den zukünftigen potentiellen Dienern des Volks sei. Wenn sich so ein dröhnendes Untier näherte, begannen sogar die Fensterscheiben, im Takt der meist volkstümlichen Musik zu schunkeln, sodass alle Hausbewohner an Fenster und Türscheiben springen mussten, um zu verhindern, dass diese vor lauter Lärm, Scheppern und Gejaule in tausend Stücke zersprangen.
Ob sich das alles letztlich auszahlt, also ob eine wirkliche Besserung nach 4 1/2 Jahren Misswirtschaft durch die Übergangsregierung in Sicht ist, mag dahingestellt bleiben, befindet sich doch unter den beiden übrig gebliebenen Stichwahlkandidaten auf der einen Seite der Schützling des momentanen Präsidenten; sein Widersacher ist der Vertreter von dessen vom Fenster weggeputschten Vorgänger...

Organisationsevaluation und Evaluationsorganisation

Was unsere Arbeit hier betrifft, so geht es dabei eigentlich immer interessanter und arbeitsintensiver zu. Daniela ist gerade dabei, nach einer Handwasch- und einer Entwurmungskampagne in den Dörfern (beides wäre auch für die Politik nötig) ein Programm zur Zahnpflege und -erhaltung zu entwerfen, was wohl eines der wichtigsten Themen der Gesundheit auf dem Lande hier ist, wie die nebenstehenden Bilder belegen, die keines Kommentars bedürfen.

Der Befund ...

... und die Reaktion.
Vozama-Lehrerinnen während eines Rollenspiels.




 Patrick kümmert sich weiterhin neben pädagogischen Schönheitskorrekturen im Vozama-Schulsystem hauptsächlich darum, die Organisationsstruktur von Vozama im Großen (Verwaltungsrat, Direktionskomitee und Konsorten) und im Kleinen (Effizienz und Funktionalität der Aufgabenverteilung in der alltäglichen Arbeit) in dem Sinne voranzutreiben, dass nicht nur ein harmonisches Ganzes entsteht, das den legalen Anforderungen entspricht und Vozama voranbringt, sondern vor allem auch nach der Ära von Frère Claude von den Einheimischen in Eigenverantwortung übernommen und fortgeführt werden kann. Dabei lässt sich die Erfahrung von Daniela in Bezug auf Gesundheitsvorsorge und Hygiene problemlos auf die Organisationsstruktur von Vozama übertragen: Gewohnheiten und althergebrachte Systeme sind schwerer zu ändern als Brunnen zu bauen oder Medikamente zu verteilen.
Eine weitere eigentlich selbstverständliche, letztlich aber doch in der Realität spontan und natürlich schwer zu akzeptierende Lehre hat Patrick dabei inzwischen verinnerlicht: Auch in der Hierarchie wichtige Persönlichkeiten, sei es ein Erzbischof, ein Minister oder eine Art Schulamtspräsident, sind letztlich nur ganz normale Menschen ... mit dem feinen Unterschied, dass man letztlich aber doch vollkommen von der Einsicht oder dem guten Willen dieser Menschen abhängt, um voranzukommen, was bei Lieschen Müller oder Hans Maier oder Olivier Dupont oder Rakoto Razafindrandriatsimaniry nicht der Fall ist, obwohl sie eigentlich genauso normal sind.
Daneben gehe ich gerade noch eine andere sehr interessante Aufgabe an, auch wenn sie in einer ersten Phase sehr zahlenlastig und excelintensiv war: Wir sind gerade dabei, ein System für eine jährliche Auto-Evaluation von Vozama auf die Beine zu stellen, die dem Team erlauben soll, zu überprüfen, ob sich seine NGO in die richtige Richtung richtet und das erreicht, was reicht und erreicht werden soll; gleichzeitig sollen die so ausgemachten Daten und Befunde der Fütterung der Finanz- und Sachberichte dienen, die die NGO ihren großen Geldgebern jährlich zum Fraß vorwerfen muss. Ein großes Unterfangen, dass aber viele wichtige Erkenntnisse bringt.

Neues von den Kleinen

Zu den Kindern gibt es seit dem letzten Eintrag wenig Neues zu erwähnen, außer vielleicht, dass
  • Noemi sich in einer heldenhaften Aktion von ihrem Schnulli getrennt hat (nun ja, heldenhaft wäre gewesen, wenn sie, wie es eigentlich vorgesehen war, ihren Schnulli in den Sommerferien den Walbabys auf der Insel Sainte Marie gespendet hätte; letztlich lief die Sache doch recht unspektakulär ab, nämlich so, dass sie nach einem ganz normalen Mittagessen auf eine vollkommen unmotivierte Eingebung hin mit Sarah hinaus in den Vorgarten gegangen ist, und ihre Schnullis 30 cm weit ins Gras geworfen hat), was uns danach einige schlaflose Nächte beschert hat; inzwischen läuft es aber – wie ja alle alten Weisheiten prophezeien – besser denn je;

    Strahlefrauen. Auch ohne Schnulli.
  • eben dieselbe Noemi ihren dritten Geburtstag inmitten von madagassischen Freunden gefeiert hat (ja, wir machen Fortschritte; diesmal war kein weißer Gast eingeladen!);


     
  • beide Kinder inzwischen nur noch auf Französisch plappern, sowohl untereinander, als auch mit uns Eltern;
  • Sarah alles zu entziffern versucht, was im Entferntesten wie ein Buchstabe aussieht, und alle Möglichkeiten und Oberflächen (!) benutzt, um ihre Schreibkünste unter Beweis zu stellen (wobei sich wieder einmal bemerkbar macht, wie weit im Französischen das Schrift- vom Lautbild entfernt ist: warum sollte man Wasser nicht einfach „o“ schreiben? Oder „anivercer“ für Geburtstag?? Oder „ere“ (sprich „örö“) für glücklich???) Was wir jedenfalls bewundern und schätzen, ist, dass in der Schule (nun ja, eigentlich ist sie noch im Kindergarten) auf ganz spielerische und ungezwungene Weise ihre natürliche Neugierde angestachelt wird, was sie alles Neue wie ein Schwamm aufsaugen lässt, der sich beim Essenstisch von selber wieder auswringt (was dann die sie sicherlich tierisch nervenden Kommentare von Papa und Mama erzwingt: „Sarah, vergiss nicht zu essen!“, „Sarah, deine Pasta!“, „Sarah ... ja, 4 und 4 macht 8 ... und wieviel Nudeln bleiben noch übrig, wenn du jetzt zwei in den Mund steckst?“ - wahrscheinlich alle diese blöden Elternsätze, die sie bald nicht mehr hören kann...).
  • Zumindest Sarah zu Papas übergroßer Freude seit einigen Wochen keine Prinzessin mehr sein will, sondern – die Ferien auf der Pirateninsel Sainte Marie haben sich ausgezahlt! - Piratin (oder zur Not auch Hexe)! Auch wenn sie sich seitdem darin übt, zu rülpsen, sich den Mund mit dem Unterarm abzuwischen oder grimmig dreinzublicken, so nehmen wir das gerne in Kauf, um in einem ohnehin vom chinesischen Billigkitsch geprägten Kontext (rosa Plastik-Fotohalter in Herzform, Rüschen-Kleider aus falscher Glitzer-Seide, Regenschirme mit einem Prinzessinen-Kopf-Knauf usw.) dem – der Globalisierung sei Dank – unausweichlichen Einfluss von Disney und Co. doch ein bisschen zu entweichen.





"Papa, ich will ein Abenteuer!"
















En garde!

Auch Noemi verkleidet sich - macht aber irgendwie weniger Angst!
So, das war mal wieder ein Update. Neuere Neuigkeiten gibt es dann wohl wieder um Weihnachten herum, wenn der Weihnachtsmann den Madagassen durch den Kamin einen neuen Präsidenten und Sarah und Daniela ein neues Lebensjahr beschert hat.

Ganz liebe Grüße

PaDaSaNo

P.S.: Ach ja, noch etwas: Seit gestern, dem 15.11., dürfen offiziell wieder Litschis verkauft werden. Zur großen Freude von Noemi, die locker ein Kilo alleine am Stück verdrücken würde - mit so viel Genuss, dass ihr das Wasser nicht nur im Munde zusammen-, sondern ihr der Litschi-Saft an Händen, Armen, Kinn und Brust herunterläuft.Wir überlegen, sie von nun an ihre Litschis nackt in der Duschwanne essen zu lassen...



















Und zum Schluss noch ein paar weitere Bildergrüße:

Noemi putzt Sarah auf dem WC...

Vier Lemuren.









Sarah und Noemi mit ihrer "Nounou" Lucille und deren Kindern.


In einer Papierfabrik (Antaimoro-Papier) mit Mliah, Sarahs bester Freundin.

Und zum Schluss die Werbung. Hätte jemand die Bedeutung der Abkürzung erraten???
 

Freitag, 23. August 2013

VAOVAO


Das, was wie Hundegebell klingt, ist auf Madagassisch letztlich nur das, was der Hahn in die Welt kräht und die Vögel von den Bäumen zwitschern (soweit letztere nicht abgebrannt, abgeholzt oder einfach nur ab sind und erstere nicht mit Steinschleudern gejagt und gefangen werden, damit man ihnen sprechen beibringen kann, um sie dann an Touristen zu verkaufen...): „Vaovao“ heißt soviel wie „Neuigkeiten“, und davon gibt es jetzt mal wieder ein paar, mitten aus der Ferienzeit.

Noemi und Sarah drücken bei Vozama versuchsweise (auf) die Schulbank.

Schuljahresende

Denn auch hier ist das Schuljahr zu Ende gegangen, allerdings mitten im trockenen und kühlen Winter des Hochlandes, sodass wir unsere dreiwöchigen „Sommerferien“ möglichst weiter „unten“, im feuchten und warmen Tiefland zu verbringen gesucht haben. Aber davon unten mehr, in den tieferen Regionen dieses Blogs.
Wie alle Lehrer wissen, bedeutet Schuljahresende besonderen Stress: Noten geben, Zeugnisse schreiben, das Jahr evaluieren, das kommende Jahr planen... und das ist auch bei Vozama nicht anders. So hatte unser Team hier vor Ort alle Hände voll zu tun, um diese Aufgaben zu erledigen, wird dabei aber motiviert von den wie üblich guten Ergebnissen für die Schüler von Vozama: So gut wie alle werden in der Regel – und wurden auch dieses Jahr – in die Folgeklassen der öffentlichen Schulen aufgenommen, oftmals mit (wenn auch nicht immer gut gewaschener) Kusshand, weil ihr Niveau und ihre Arbeitshaltung deutlich über dem Durchschnitt liegen. 
Nicht spickeln!
 












Schwieriger ist da schon die Beurteilung des dauerhaften Erfolgs unseres Projekts; ich bin dabei, eine Evaluierung des langfristigen Schulbesuchs unserer Schüler zu organisieren, um die wirklich bewirkten und wirklichen und wirkbaren Wirkungen unserer Einwirkung beurteilen zu können; das gestaltet sich aber bei der jährlichen Zahl von über 10 000 Schülern gar nicht so einfach; und selbst, wenn man nur ein Stichprobensystem anwendet, ist die Weiterverfolgung der Schullaufbahnen, also der Bahnen, auf denen die ehemaligen Schüler laufen, aufgrund der löchrigen oder inexistenten Datenlage gar nicht so einfach.
Was wohl mal aus uns wird???
Mehr aktuelle Informationen über Vozama und seine Arbeit gibt es weiterhin auf der Internetseite, die inzwischen fast vollständig auch auf Deutsch verfügbar ist (www.vozama.org), sowie auf seiner (rein frankophonen) Facebook-Seite (www.facebook.org/ong.vozama).

Visa

Probleme mit der Datenlage gibt es allerdings nicht nur in Bezug auf unsere Schüler. Wir selber sind
mal wieder mit dem täglich grüßenden Murmeltier der madagassischen Bürokratie in Kontakt und ich glaube nicht, dass dieses Gemurmel vor unserer Abreise irgendwann verstummen wird. Waren wir im Dezember froh, endlich unsere „Cartes de Résident“ erhalten zu haben, nachdem wir monatelang regelmäßig ein vorläufiges Papier bei der Ausländerstelle unterschreiben lassen mussten, um das Recht zu haben, hier oder da zu sein, so mussten wir Ende Januar schon wieder da sein, um den Antrag auf Verlängerung zu stellen, der seitdem irgendwo in den kafkaesken Büroräumen des Innenministeriums von Antananarivo herumirrt, sodass wir seitdem „the same procedure as every month“ wieder aufgenommen haben: die Bescheinigung, dass wir den Antrag auf Verlängerung gestellt haben, verlängern lassen und hoffen, dass sich irgendwann ein Beamter aus Langeweile daran macht, eine Unterschrift unter unseren Antrag zu setzen. 

"Papierstau" auch ohne Drucker in einem Verwaltungsbüro in Fianarantsoa

Fripes

Das Problem fängt dabei schon häufig damit an, dass es äußerst schwierig ist, die zuständige Dame 
in der Ausländerstelle überhaupt zu erreichen. Insbesondere an Markttagen (Dienstag und Freitag) hat man da die besten Möglichkeiten, wenn man nicht in ihr Büro, sondern „aux fripes“ geht, also auf den Gebrauchtkleidermarkt, wo sie sich regelmäßig mit – nach ganz eigenen und schwer nachvollziehbaren Kriterien ausgewählten – Kleidern eindeckt, die ihr helfen, den – urteilt man nach seiner Effektivität und Präsenz im alltäglichen Leben – nicht existierenden madagassischen Staat zu repräsentieren. So geschah es zu Beginn dieser Ferien, dass ich, vom Gemüsemarkt kommend, auch an den Kleiderständen vorbeilief, und, zur besten Bürozeit, dort Madame Françoise, die für uns zuständige Sachbearbeiterin (nein, ich habe den LBV-Jargon noch nicht vergessen...), treffe, die in ein intensives Gespräch mit einer Verkäuferin vertieft ist. Auf meinen Gruß und meine Bemerkung hin, dass ich in Ferien sei, antwortet sie mir mit einer gewissen Entrüstung und Verachtung in der Stimme: „Pas moi. Nous, on travaille.“ („Ich nicht. WIR arbeiten!“)
Allerdings kann man ihr diese Vorliebe auch nicht wirklich übel nehmen, denn die „fripes“ sind, insbesondere für den weiblichen Teil der „coopérants“ und „expatriés“, schon eine Versuchung. Mit etwas Geduld findet man dort wirklich alles, und vor allem das, was wir uns in Europa nie zu finden oder überhaupt zu suchen gewagt hätten: So hat Daniela für ca. 3 Euro zwei einwandfreie Armani-Pullis für sich gefunden, während ich mir für 1,50 Euro perfekt passende Trussardi-Jeans gekauft habe. Gut, dass wir bei unserer Rückkehr viel Platz in den Kisten und mehr als 200 kg unbegleitetes Gepäck frei haben... ;-)
Allerdings sollte man dabei auch die Kehrseite der Medaille nicht verschweigen: Durch den massiven Import und die geschickte Vermarktung der gebrauchten Kleider aus Europa ist hier inzwischen die einheimische Textilindustrie fast vollständig eingegangen (was natürlich auch mit der billigen Konkurrenz aus Asien zusammenhängt). Und die extrem niedrigen Preise für manche Sachen führen dazu, dass viele Eltern unserer Schüler auf dem Land die Kleider ihrer Kinder überhaupt nicht mehr waschen, sondern sie sie so lange tragen lassen, bis sie auch nicht mehr als Lappenlumpenfetzen gebraucht werden können, um dann einfach auf den „fripes“ für 200 Ariary (6 Ct.) ein neues T-Shirt zu kaufen, weil das günstiger ist als ein Stück Seife ...

Politische Lage

Eine einseitige Medaille ist momentan die politische Lage im Land. Nach vier Jahren sich verewigender „Übergangsregierung“ waren für dieses Jahr endlich Präsidentschaftswahlen geplant. Erst im Mai, dann im Juli, dann im August... inzwischen wurden sie wieder verschoben, jetzt auf den 25. Oktober. Aber nicht einmal die einheimischen Orakel-Verkünder und Hellseher können da wohl vorhersagen, ob das seit Monaten dauernde von den (über 40) Kandidaten ausgeheckte Hick-Hack dann ausgehackt ist; und da laut Gesetz während der Regenzeit, also ab November, Wahlen nicht durchgeführt werden dürfen, kann es auch sein, dass sich erst ab 2014 etwas tun wird, was dem momentanen Übergangs-Präsidenten (der dann eine ganze Amtszeit eines „richtigen“ Präsidenten absolviert hätte) natürlich auch nicht ganz unrecht sein dürfte. Vielleicht verlängert er demnächst per Gesetz die Regenzeit...
Für diejenigen, die da nicht so auf dem Laufenden sind: Hauptstreitpunkt sind die Kandidaturen des momentanen – durch einen Militärputsch an die Machtgekommenen – Präsidenten und Ex-DJ Andry Rajoelina, und des von ihm gestürzten und im südafrikanischen Exil lebenden ehemaligen Präsidenten Marc Ravalomanana. Die „internationale Gemeinschaft“, die sich durch ihre Erfolglosigkeit in den seit Monaten dauernden Verhandlungen recht lächerlich gemacht hat, hatte dabei einen Kompromiss ausgehandelt, nachdem eigentlich keiner der ehemaligen Präsidenten kandidieren durfte (nachdem ein Vermittlungsversuch fehlgeschlagen war, nach dem die vier letzten Präsidenten allesamt in einer Art Versöhnungsregierung irgendwie kooperieren sollten); Resultat war, dass sowohl der in den Siebzigerjahren an der Macht gewesene Didier Ratsiraka (der das Land durch eine Politik der radikalen „malgachisation“ an den Rand des Ruins gebracht hatte), als auch der momentane Putsch-Präsident Rajoelina durch eine sechsstellige Eurosumme, die an den über die Kandidatenliste zu entscheiden habenden Spezial-Gerichtshof überwiesen wurde, auf der Liste standen (und dies, obwohl Rajoelina darüber hinaus seine Kandidatur nach dem Ultimatum eingereicht hatte), wohingegen Ravalomanana die elegantere Variante wählte und seine Frau kandidieren ließ, die allerdings eigentlich auch nicht hätte zugelassen werden dürfen, weil sie nicht seit mindestens 6 Monaten vor der Abgabe der Kandidatur in Madagaskar lebte, die aber dennoch zugelassen wurde. Inzwischen wurde der Gerichtshof neu besetzt und hat alle drei Kandidaten ausgeschlossen. Diese haben daraufhin erstaunlich schnell eine Protest-Koalition gebildet...
Profitieren tun von diesem Chaos nur einige wenige, sowohl Politiker als auch illegale Rosenholz- und Edelsteinhändler, die sich sichtbar in Rekordgeschwindigkeit bereichern und sich auf dem Land ostentative Villen bauen lassen (die nicht bewohnt sind, sondern lediglich zur Repräsentation dienen) und in großen Allrad-Autos herumdüsen (deutsche Marken sind offenbar seit einigen Monaten in; VWs (Touareg oder Tiguan), BMWs und gar der eine oder andere Mercedes kreuzen bewusst langsam durch die Straßen). Die Kluft zu der großen Mehrzahl der extrem Armen (inzwischen sind es seit einer kürzlich veröffentlichten neuen Studie über 92 Prozent, die unterhalb der Armutsgrenze leben, hier der Link zum Artikel) wird dabei genauso schnell größer wie die Löcher in den Straßen, die das Reisen auf manchen Abschnitten zwischen Fianarantsoa und Tana (vor allem auf dem Abschnitt bis Ambositra, also gerade auf dem Weg, den ich alle 1-2 Monate fahre) zu einer Hüpfpartie für die Insassen und zu einer Axenbruch- und Reifenplatz-Partie für das Auto machen. 

Buckelpiste

Die große, löchrige Nationalstraße RN7

Schieflage
Ferien




Von weiten und langen und beschwerlichen Autofahrten können wir dabei inzwischen ein Lied singen. Denn aufgrund der Straßenverhältnisse und des Fehlens von schnelleren Alternativen verbringt man hier doch recht viel Zeit auf der Straße (oder auf dem, was man hier so nennt). Zuletzt während unserer gerade erst zu Ende gegangenen Ferienfahrt auf die Île Sainte Marie, einer exotischen Pirateninsel vor der Ostküste Madagaskars.
Zweieinhalb volle Tage waren wir unterwegs, zunächst nach Tana, dann in die große Hafenstadt Tamatave, schließlich per Bus und Boot über Buckelpiste zu den Buckelwalen. Obwohl wir in einem (farblich nicht zu übersehenden) ehemaligen Feuerwehrauto unterwegs waren (man muss sagen, dass es bei Vozama wenige Autos gibt, die farblich nicht sofort ins Auge fallen würden, sei es knatschgrün, feuerrot oder himmelblau), zog sich insbesondere für die Kinder die lange Autofahrt doch recht lange hin, und dies umso mehr, als wir hier im Hochland nicht nur mit Löchern, LKWs und Straßenkontrollen zu kämpfen haben, sondern auch mit einer großen Anzahl von Kurven, die für Insassen mit empfindlichem Magen die Ferienfahrt ins Strandparadies zu einem Höllenritt werden lassen können und einem wortwörtlich das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. So erstaunt es auch nicht, dass die Straßen abschnittsweise mit kleinen aufgeplatzten Plastikbeuteln übersät sind, aus denen der ockerfarbene Mageninhalt der Taxi-Brousse-Passagiere herausquillt, der sich zumindest farblich ins Landschaftsbild einordnet x-(...
Besonders schlimm wurde es für meine Frauen dann aber, als wir die zweistündige Bootsfahrt von der großen Insel auf die kleinere Insel in Angriff nahmen, weil das Meer extrem aufgewühlt war und dies auf ihren Magen übertrug. Aber als echte Piraten haben wir auch das mutig überstanden und wurden dafür mit einem paradiesischen zweiwöchigen Urlaub auf einer exotischen Insel mit Traumstränden, Korallenriffen und Bilderbuchwasser entschädigt.
 












Unseren an abgeholzte und verbrannte Hochebenen gewöhnten Augen tat dabei insbesondere das üppige Grün und die reiche Vegetation gut, die mit dem türkisblauen Meer und den dunklen Felsen darin einen wunderbaren Kontrast bildeten.















Höhepunkt für drei von uns vieren war dabei die Beobachtung der Buckelwale, die in diesen Monaten vor der Ostküste Madagaskars kreuzen, um dort (in wärmeren Gewässern) ihre Jungen zur Welt zu bringen. Nicht nur konnte man von unserem Bungalow aus die Sprühfontänen, Flossenspiele und Ein- und Abtauchaktionen der Wale sehen, wir haben uns auch den Luxus gegönnt, mit dem Boot auf Whale-Watching zu fahren (was eine Abwechslung zu unserer Arbeit des Human-Rights-Watching darstellt) und wurden mit mehreren spektakulären Sprüngen der Wale belohnt. Nur Noemi, die ebenso furchtbar süß wie furchtbar dickköpfig sein kann, bekam gerade in dem Moment, wo der erste Wal sprang, die Eingebung, ihr Vesper zu fordern, für das wir eine Kokosnuss mitgenommen hatten. Wale und Delphine waren ihr in diesem Moment egal, sodass das laute Platschen des ins Wasser eintauchenden Wals durch ihr lautes Schreien: „voglio il coco!“ („ich will die Kokosnuss“) übertönt wurde...
Walbuckel eines Buckelwals
Kokos-Genos













Wir haben diese Tage aber trotz Kotz und Rotz riesig genossen, konnten ein bisschen Abstand gewinnen, und können nun wieder die alltägliche Arbeit hier in Angriff nehmen.

Wir hoffen, dass ihr alle auch erholsame und erlebnisreiche Ferien hattet oder noch habt, und freuen uns immer über eure Kommentare und Nachrichten.
Hier zur Erinnerung noch einmal der Link zu unserem Fotoalbum, das ich allerdings erst in den nächsten Tagen aktualisieren werde.

Ein lieber Feriengruß aus Fianarantsoa,

PaDaSaNo. 

Strandschmuck
Kopfschmuck