Montag, 8. April 2013

VON WOHLIGEM WETTER, WIRBELNDEN WINDEN UND WACHSENDEN WÄLDERN



So, nachdem schon das Fotoalbum – hier noch einmal die Werbeanzeige: Klicken Sie hier und gewinnen Sie eine Vanilleschote! - neue Bilderbekommen hat, mache ich mich jetzt mal daran, auch unseren hungrigen Blog mit neuen Informationen zu füttern, nachdem wir gerade eine Woche Urlaub bei 35 Grad an der Südküste verbracht haben, um den furchtbar frischen 25-30 Grad hier im Hochland zu entfliehen. :-) (Die Urlaubsbilder stelle ich mal in ein eigenes Album, sonst denkt ihr, wir arbeiten hier überhaupt nichts…)

no comment
 Aber nein, es ist wohl besser, wenn ich wettermäßig wegen des mäßigen Wetters in Europa in den letzten Monaten nichts schreibe, auch wenn uns ein bisschen Genugtuung gegönnt sei: Wir genießen seit Wochen den australischen Sommer, der uns täglich angenehme 25-35 Grad und abends oder nachts regelmäßig ein Gewitterchen oder einen Platzregen beschert, die dazu führen, dass nicht nur die Pfützen auf den Buckelpisten – man sagt hier in der Regel „Straßen“ dazu – zu kleinen Seen anschwellen und wir, venezianische Lieder summend, mit der Piroge durch die Stadt schippern, sondern auch der Urwald um unser Häuschen uns über die Köpfe und bis in den Mund hinein wächst. Tatsächlich konnten wir in Bohnenwachsrekordzeit schon nach weniger als wenig Wochen die gerade erst hinter unserem Haus gepflanzten grünen Bohnen ernten (also damals, als man sich mit der Machete noch einen Weg durch den Wald bis dorthin bahnen konnte…), der Salat in den Vozama-Beeten sah schon nach ein paar Tagen aus wie eine Bananenstaude ohne Stamm, und seit gestern werfen uns die Affen auch Brot von den Bäumen direkt in den Mund (nur manchmal nehmen sie Kokosnüsse…), was immer ein lustiges Geräusch verursacht, das etwa wie „baoooooo (das Brot fliegt) BAB (Treffer!)!“ klingt, die Ananasse und –nässinnen fallen uns schon geschnitten in den Teller und die Krabben und Thunfische schwimmen in den überbordenden Flüssen vom Meer bis direkt in unseren Kochtopf! 
Ja, so ein warmer Sommerregen hat schon seine Vorteile! Allerdings erinnern uns die jetzt auf dem Markt erscheinenden Äpfel – ja, ihr habt richtig gelesen, es gibt hier auch so ganz banale und „deutsche“ Früchte wie Äpfel! – daran, dass auch hier der Herbst Einzug hält und wir an das Brennholz für den bald kommenden australischen Winter denken müssen.

Das Schuldach neben VOZAMA
nach HARUNA.
Unangenehmer als der Herbst war da allerdings HARUNA. Sein voller Name war Haruna Hurrikan, er kam aus dem Osten und war ein ganz fieser wirbelnder Sturmeswind, der uns hier im Herzen der Mitte des Landes zwar nur zerzaust und unser Drei-Wetter-Taft auf die Probe gestellt, an den Küsten aber ziemlich Unheil angerichtet hat. Ein paar Wellblechdächer, einige Ziegel und der eine oder andere Baum haben da hier in Fianarantsoa schon ihre Boden- oder Dachhaftung verloren, was aber kein Vergleich zu den wirklich schlimmen Schäden in Meeresnähe ist.

Hochwasser in Tuléar

Zum Glück ist die Hurrikan-Zeit nun aber so gut wie vorbei und wir blicken ruhigeren und frischeren Tagen entgegen.  

Schulkantine in einer unserer
Dorfschulen
Das Positive an dieser Zeit für die Menschen hier ist und war, dass es auch ERNTEZEIT ist und war, die den 2-3 Monaten des Darbens und Entbehrens – weil die Reisvorräte aufgebraucht waren – ein Ende gesetzt hat. In unseren Dorfschulen macht sich das so bemerkbar, dass die Kinder, die während der Hungerperiode nicht in die Schule kommen, weil sie Hunger haben, in der Erntezeit auch wegbleiben, weil sie bei der Ernte helfen müssen (es handelt sich um 5-8 Jahre alte Kinder…)!




KINDSEIN – das hat hier ohnehin eine andere Bedeutung als bei uns, soweit es überhaupt eine Bedeutung hat. Denn während auf unseren kleinen Inseln der Glückseligen – die für uns doch Zentrum der Welt zu sein scheinen – sich alles um die individuelle Förderung des einzelnen Kindes dreht, das ein Recht darauf hat, alle seine Potentiale so gut wie möglich zu entwickeln und auszuschöpfen, ist ein Kind hier – zumindest auf dem Land – umso mehr wert, je früher es damit anfängt, kein Kind mehr zu sein, sondern seine Pflichten und Aufgaben in Familie und Dorf zu übernehmen: Haushalt, Schweine oder Schafe oder Zebus oder Brüder hüten, Feldarbeit, Babysitter… für kreatives Spielen, Fantasie, Selbsterfahrung oder Ähnliches ist da einfach so gut wie kein Platz, und das trifft leider auch auf die Methodologie in den Schulen seit dem frühesten Alter zu: Auswendiglernen, militärischer Drill, absoluter Gehorsam, festeste Regeln – der kindliche Hefeteig wird da von Anfang an in geschlossene Formen gepresst, die ein Aufgehen unmöglich machen... Und doch bin ich ziemlich davon überzeugt, dass das Land hier gerade kreative, flexible Kinderköpfe bräuchte, um Lösungen für die Zukunft zu finden, statt des Festhaltens an einer Pädagogik, die von vor dem zweiten Weltkrieg stammt und den Wert des Einzelnen unter den Tisch kehrt…


Strenger Appell vor dem Eintritt ins Klassenzimmer...
... und "diszipliniertes Austoben" in der Pause...
... das trotzdem Spaß macht!



















 Aber genug des pädagogischen Philosophierens… konkrete Beispiele braucht der Blog! Und davon haben wir umso mehr, seit Daniela auch bei Vozama arbeitet und regelmäßig mit den gesundheitlichen und HYGIENISCHEN BEDINGUNGEN der Menschen „im Busch“ (wie man hier sagt, obwohl es hier im Hochland so gut keine Büsche oder Bäume mehr gibt…) konfrontiert ist: Viele Menschen waschen sich äußerst unregelmäßig (bzw. regelmäßig nicht), auf keinen Fall aber täglich; und was für den eigenen Körper gilt, gilt noch mehr für die Kleider: Die werden – häufig gerade von den Kindern – so lange getragen, bis sie so schmutzig sind, dass sie selber Beine bekommen und das Weite suchen, oder bis sie so zerfetzt sind, dass man das ursprünglich als Pulli gekaufte Kleidungstück nicht einmal mehr als Unterhose verwenden kann; statt ab und zu mal zu waschen, werden dann lieber neue Kleider gekauft, die „aux fripes“, also auf Gebrauchtkleidermärkten, (leider) billiger sind als ein Stück Seife. Den Eltern ist es häufig jedenfalls egal, wie die Kinder herumlaufen, und offenbar kommt es regelmäßig vor, dass sie nicht einmal das Geburtsdatum oder gar den Rufnamen ihres Kindes kennen, weil sie so früh morgens aufs Feld gehen und so spät abends zurückkommen, dass sie so gut wie keinen Kontakt zu ihren Kindern haben.
Schöne Augen in schmutziger Hülle.

Aber ich will auch nicht alles schlecht reden; die erwähnten Dinge sind zwar bei Weitem keine Ausnahmen, aber es sind eben die Erfahrungen, die uns am meisten schockieren und von denen wir daher reden. Natürlich gibt es auch andere Familien, anderes Verhalten, andere Denkweisen – aber je näher sie uns sind, umso normaler erscheinen sie uns und umso weniger reden wir davon.




VOZAMA jedenfalls tut viel, um hier Bewusstsein zu schaffen und die Realität zu ändern, nicht durch Aufdrängen vorgefertigter Lösungen, sondern durch eine konstante, viel Geduld und Mittel verschlingende Begleitung und Betreuung, die den Menschen helfen soll, ihre Sichtweise zu ändern und die Wichtigkeit solcher Dinge wie Bildung, Hygiene oder Zukunftsplanung zu erkennen.

Dafür geht bzw. fährt man teilweise schon an seine Grenzen: Bei meinem letzten Besuch in Ambositra, der Stadt, wo es ein zweites Vozama-Zentrum gibt, habe ich die Elternfortbilder begleitet: 200 km hin und zurück, 9 Stunden Motorradfahrt über 120 km steinige, rutschige, matschige, huckelige, buckelige, versumpfte und (nicht „oder“!) einfach nur fiese Bergpiste, mit Pannen, Starkregen und Gewitter mitten auf einer unbebaumten Anhöhe, und das alles für 2 Stunden Sensibilisierung und Fortbildung für die Eltern von ca. 10 Dorfschulen – da gehört schon viel Idealismus dazu, um so etwas durchzuziehen. Aber selbst wenn in diesem Fall das Verhältnis von Nutzen und Aufwand unangemessen sein mag, so zeigt es doch, mit welchem Eifer und Willen ‚unsere‘ Angestellten hier am Werk sind.

Bei der genannten Elternfortbildung
Steife Brise.
Ähnlich extrem ging es am 23. Februar während unseres „Tages der Aufforstung“ zu. Jedes Jahr wird von Vozama einmal ein großes Fest auf einem Hügel organisiert, der von Vozama gekauft wurde und als Wiederaufforstungsgebiet dient. Inzwischen wurden schon mehr als 150 000 Bäume gezüchtet und gepflanzt, und jedes Jahr werden ausgewählte Dorfschulen eingeladen, am Tag der Aufforstung teilzunehmen: Eltern und Kinder, Lehrer und Dorfbewohner – alle sind willkommen und können selber „ihr“ Bäumchen pflanzen. Dieses Jahr waren es knapp 3000 junge Pflänzchen, die wir in die Erde gesteckt haben, und dies genau in den Tagen, in denen Haruna (s.o.) übers Land fegte. War der Wind schon in der Stadt heftig, so pfiff er da oben auf dem Berg nochmal doppelt so kräftig und knickte zwar einige Bäume, nicht aber unsere Moral. Hoffen wir, dass das Ganze auch etwas Verständnis und Sorge für die Natur in die Herzen der Teilnehmer gepustet hat!



Ein Loch pro Baum und Person.
Zeichen der Hoffnung?!


Noemi macht Fortschritte...
Neben all dem geht natürlich auch unser PRIVATLEBEN weiter; davon gibt es weniger Neues zu erzählen, das Highlight sind natürlich die Kinder, die uns auf Trab halten und uns immer wieder damit erstaunen, was für ungeheure Energiereserven sie haben. Denken wir z.B. daran zurück, wie Sarah nur 2 Wochen nach unserer Ankunft in Fianarantsoa in den Kindergarten wollte, ohne ein Wort Madagassisch oder Französisch zu sprechen, wie sie lange Zeit still und beobachtend außen vor blieb und nur dabei statt mittendrin war, und sehen wir jetzt, dass sie fließend wie ein Fluss und sprudelnd wie eine Quelle Französisch plappert, Freundinnen einlädt, sich alleine im Kindergarten vor alle anderen Schüler setzt und auf Französisch eine Geschichte erzählt, wie sie fröhlich durch unsere Baumschule spaziert und auf Madagassisch mit den Gärtnern small-talkt… und sehen wir genauso, wie Noemi innerhalb kürzester Zeit ihre Windeln tags und nachts losgeworden ist, französische Lieder trillert und Verse aufsagt, sich umdreht und stramm und entschlossen aus unserem Blickfeld marschiert, wenn sie bei einem Spaziergang durch einen nahe gelegenen Wald noch nicht nach Hause will, wie Papa und Mama es wollen, wie sie auch mit ihrer „maîtresse“, also ihrer Kindergärtnerin eine geschlagene Stunde schmollt, um das zu kriegen, was sie will… ja, dann können wir wirklich nur staunen und uns freuen, was für Ressourcen die Kinder haben und wie sie sie hier entwickeln. 

Sarah und Noemi auf dem Weg





Was sich in letzter Zeit auch noch entwickelt hat, ist übrigens die Internetseite von VOZAMA, die neu konzipiert wurde und nun professioneller und seriöser daherkommt; dort können, ebenso wie auf dem neu aktivierten Facebook-Profil von VOZAMA, immer die neuesten Aktivitäten, Ereignisse, Bilder und Statistiken ‚unserer‘ Organisation in Erfahrung gebracht werden. Auf der Internetseite wird in den nächsten Tagen die neue dreimal jährlich erscheinende Zeitschrift von VOZAMA erscheinen, die „Gazette de Vous à Moi“, und in der neuen Ausgabe wird speziell über die Gesundheitsarbeit berichtet, die mit Beginn der Aktivität von Daniela einen neuen Aufschwung genommen hat. Das Ganze ist bisher nur auf Französisch genießbar, ich hoffe aber, zumindest das Homepage-Menu bis Pfingsten im Wesentlichen auch auf Deutsch einverleib- und verdaubar machen zu können. Hier jedenfalls noch einmal die beiden Links:
Internetseite von VOZAMA 
VOZAMA auf Facebook

Liebe Grüße von der Insel, wo der Pfeffer wächst,

PaDaSaNo.



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