Freitag, 23. August 2013

VAOVAO


Das, was wie Hundegebell klingt, ist auf Madagassisch letztlich nur das, was der Hahn in die Welt kräht und die Vögel von den Bäumen zwitschern (soweit letztere nicht abgebrannt, abgeholzt oder einfach nur ab sind und erstere nicht mit Steinschleudern gejagt und gefangen werden, damit man ihnen sprechen beibringen kann, um sie dann an Touristen zu verkaufen...): „Vaovao“ heißt soviel wie „Neuigkeiten“, und davon gibt es jetzt mal wieder ein paar, mitten aus der Ferienzeit.

Noemi und Sarah drücken bei Vozama versuchsweise (auf) die Schulbank.

Schuljahresende

Denn auch hier ist das Schuljahr zu Ende gegangen, allerdings mitten im trockenen und kühlen Winter des Hochlandes, sodass wir unsere dreiwöchigen „Sommerferien“ möglichst weiter „unten“, im feuchten und warmen Tiefland zu verbringen gesucht haben. Aber davon unten mehr, in den tieferen Regionen dieses Blogs.
Wie alle Lehrer wissen, bedeutet Schuljahresende besonderen Stress: Noten geben, Zeugnisse schreiben, das Jahr evaluieren, das kommende Jahr planen... und das ist auch bei Vozama nicht anders. So hatte unser Team hier vor Ort alle Hände voll zu tun, um diese Aufgaben zu erledigen, wird dabei aber motiviert von den wie üblich guten Ergebnissen für die Schüler von Vozama: So gut wie alle werden in der Regel – und wurden auch dieses Jahr – in die Folgeklassen der öffentlichen Schulen aufgenommen, oftmals mit (wenn auch nicht immer gut gewaschener) Kusshand, weil ihr Niveau und ihre Arbeitshaltung deutlich über dem Durchschnitt liegen. 
Nicht spickeln!
 












Schwieriger ist da schon die Beurteilung des dauerhaften Erfolgs unseres Projekts; ich bin dabei, eine Evaluierung des langfristigen Schulbesuchs unserer Schüler zu organisieren, um die wirklich bewirkten und wirklichen und wirkbaren Wirkungen unserer Einwirkung beurteilen zu können; das gestaltet sich aber bei der jährlichen Zahl von über 10 000 Schülern gar nicht so einfach; und selbst, wenn man nur ein Stichprobensystem anwendet, ist die Weiterverfolgung der Schullaufbahnen, also der Bahnen, auf denen die ehemaligen Schüler laufen, aufgrund der löchrigen oder inexistenten Datenlage gar nicht so einfach.
Was wohl mal aus uns wird???
Mehr aktuelle Informationen über Vozama und seine Arbeit gibt es weiterhin auf der Internetseite, die inzwischen fast vollständig auch auf Deutsch verfügbar ist (www.vozama.org), sowie auf seiner (rein frankophonen) Facebook-Seite (www.facebook.org/ong.vozama).

Visa

Probleme mit der Datenlage gibt es allerdings nicht nur in Bezug auf unsere Schüler. Wir selber sind
mal wieder mit dem täglich grüßenden Murmeltier der madagassischen Bürokratie in Kontakt und ich glaube nicht, dass dieses Gemurmel vor unserer Abreise irgendwann verstummen wird. Waren wir im Dezember froh, endlich unsere „Cartes de Résident“ erhalten zu haben, nachdem wir monatelang regelmäßig ein vorläufiges Papier bei der Ausländerstelle unterschreiben lassen mussten, um das Recht zu haben, hier oder da zu sein, so mussten wir Ende Januar schon wieder da sein, um den Antrag auf Verlängerung zu stellen, der seitdem irgendwo in den kafkaesken Büroräumen des Innenministeriums von Antananarivo herumirrt, sodass wir seitdem „the same procedure as every month“ wieder aufgenommen haben: die Bescheinigung, dass wir den Antrag auf Verlängerung gestellt haben, verlängern lassen und hoffen, dass sich irgendwann ein Beamter aus Langeweile daran macht, eine Unterschrift unter unseren Antrag zu setzen. 

"Papierstau" auch ohne Drucker in einem Verwaltungsbüro in Fianarantsoa

Fripes

Das Problem fängt dabei schon häufig damit an, dass es äußerst schwierig ist, die zuständige Dame 
in der Ausländerstelle überhaupt zu erreichen. Insbesondere an Markttagen (Dienstag und Freitag) hat man da die besten Möglichkeiten, wenn man nicht in ihr Büro, sondern „aux fripes“ geht, also auf den Gebrauchtkleidermarkt, wo sie sich regelmäßig mit – nach ganz eigenen und schwer nachvollziehbaren Kriterien ausgewählten – Kleidern eindeckt, die ihr helfen, den – urteilt man nach seiner Effektivität und Präsenz im alltäglichen Leben – nicht existierenden madagassischen Staat zu repräsentieren. So geschah es zu Beginn dieser Ferien, dass ich, vom Gemüsemarkt kommend, auch an den Kleiderständen vorbeilief, und, zur besten Bürozeit, dort Madame Françoise, die für uns zuständige Sachbearbeiterin (nein, ich habe den LBV-Jargon noch nicht vergessen...), treffe, die in ein intensives Gespräch mit einer Verkäuferin vertieft ist. Auf meinen Gruß und meine Bemerkung hin, dass ich in Ferien sei, antwortet sie mir mit einer gewissen Entrüstung und Verachtung in der Stimme: „Pas moi. Nous, on travaille.“ („Ich nicht. WIR arbeiten!“)
Allerdings kann man ihr diese Vorliebe auch nicht wirklich übel nehmen, denn die „fripes“ sind, insbesondere für den weiblichen Teil der „coopérants“ und „expatriés“, schon eine Versuchung. Mit etwas Geduld findet man dort wirklich alles, und vor allem das, was wir uns in Europa nie zu finden oder überhaupt zu suchen gewagt hätten: So hat Daniela für ca. 3 Euro zwei einwandfreie Armani-Pullis für sich gefunden, während ich mir für 1,50 Euro perfekt passende Trussardi-Jeans gekauft habe. Gut, dass wir bei unserer Rückkehr viel Platz in den Kisten und mehr als 200 kg unbegleitetes Gepäck frei haben... ;-)
Allerdings sollte man dabei auch die Kehrseite der Medaille nicht verschweigen: Durch den massiven Import und die geschickte Vermarktung der gebrauchten Kleider aus Europa ist hier inzwischen die einheimische Textilindustrie fast vollständig eingegangen (was natürlich auch mit der billigen Konkurrenz aus Asien zusammenhängt). Und die extrem niedrigen Preise für manche Sachen führen dazu, dass viele Eltern unserer Schüler auf dem Land die Kleider ihrer Kinder überhaupt nicht mehr waschen, sondern sie sie so lange tragen lassen, bis sie auch nicht mehr als Lappenlumpenfetzen gebraucht werden können, um dann einfach auf den „fripes“ für 200 Ariary (6 Ct.) ein neues T-Shirt zu kaufen, weil das günstiger ist als ein Stück Seife ...

Politische Lage

Eine einseitige Medaille ist momentan die politische Lage im Land. Nach vier Jahren sich verewigender „Übergangsregierung“ waren für dieses Jahr endlich Präsidentschaftswahlen geplant. Erst im Mai, dann im Juli, dann im August... inzwischen wurden sie wieder verschoben, jetzt auf den 25. Oktober. Aber nicht einmal die einheimischen Orakel-Verkünder und Hellseher können da wohl vorhersagen, ob das seit Monaten dauernde von den (über 40) Kandidaten ausgeheckte Hick-Hack dann ausgehackt ist; und da laut Gesetz während der Regenzeit, also ab November, Wahlen nicht durchgeführt werden dürfen, kann es auch sein, dass sich erst ab 2014 etwas tun wird, was dem momentanen Übergangs-Präsidenten (der dann eine ganze Amtszeit eines „richtigen“ Präsidenten absolviert hätte) natürlich auch nicht ganz unrecht sein dürfte. Vielleicht verlängert er demnächst per Gesetz die Regenzeit...
Für diejenigen, die da nicht so auf dem Laufenden sind: Hauptstreitpunkt sind die Kandidaturen des momentanen – durch einen Militärputsch an die Machtgekommenen – Präsidenten und Ex-DJ Andry Rajoelina, und des von ihm gestürzten und im südafrikanischen Exil lebenden ehemaligen Präsidenten Marc Ravalomanana. Die „internationale Gemeinschaft“, die sich durch ihre Erfolglosigkeit in den seit Monaten dauernden Verhandlungen recht lächerlich gemacht hat, hatte dabei einen Kompromiss ausgehandelt, nachdem eigentlich keiner der ehemaligen Präsidenten kandidieren durfte (nachdem ein Vermittlungsversuch fehlgeschlagen war, nach dem die vier letzten Präsidenten allesamt in einer Art Versöhnungsregierung irgendwie kooperieren sollten); Resultat war, dass sowohl der in den Siebzigerjahren an der Macht gewesene Didier Ratsiraka (der das Land durch eine Politik der radikalen „malgachisation“ an den Rand des Ruins gebracht hatte), als auch der momentane Putsch-Präsident Rajoelina durch eine sechsstellige Eurosumme, die an den über die Kandidatenliste zu entscheiden habenden Spezial-Gerichtshof überwiesen wurde, auf der Liste standen (und dies, obwohl Rajoelina darüber hinaus seine Kandidatur nach dem Ultimatum eingereicht hatte), wohingegen Ravalomanana die elegantere Variante wählte und seine Frau kandidieren ließ, die allerdings eigentlich auch nicht hätte zugelassen werden dürfen, weil sie nicht seit mindestens 6 Monaten vor der Abgabe der Kandidatur in Madagaskar lebte, die aber dennoch zugelassen wurde. Inzwischen wurde der Gerichtshof neu besetzt und hat alle drei Kandidaten ausgeschlossen. Diese haben daraufhin erstaunlich schnell eine Protest-Koalition gebildet...
Profitieren tun von diesem Chaos nur einige wenige, sowohl Politiker als auch illegale Rosenholz- und Edelsteinhändler, die sich sichtbar in Rekordgeschwindigkeit bereichern und sich auf dem Land ostentative Villen bauen lassen (die nicht bewohnt sind, sondern lediglich zur Repräsentation dienen) und in großen Allrad-Autos herumdüsen (deutsche Marken sind offenbar seit einigen Monaten in; VWs (Touareg oder Tiguan), BMWs und gar der eine oder andere Mercedes kreuzen bewusst langsam durch die Straßen). Die Kluft zu der großen Mehrzahl der extrem Armen (inzwischen sind es seit einer kürzlich veröffentlichten neuen Studie über 92 Prozent, die unterhalb der Armutsgrenze leben, hier der Link zum Artikel) wird dabei genauso schnell größer wie die Löcher in den Straßen, die das Reisen auf manchen Abschnitten zwischen Fianarantsoa und Tana (vor allem auf dem Abschnitt bis Ambositra, also gerade auf dem Weg, den ich alle 1-2 Monate fahre) zu einer Hüpfpartie für die Insassen und zu einer Axenbruch- und Reifenplatz-Partie für das Auto machen. 

Buckelpiste

Die große, löchrige Nationalstraße RN7

Schieflage
Ferien




Von weiten und langen und beschwerlichen Autofahrten können wir dabei inzwischen ein Lied singen. Denn aufgrund der Straßenverhältnisse und des Fehlens von schnelleren Alternativen verbringt man hier doch recht viel Zeit auf der Straße (oder auf dem, was man hier so nennt). Zuletzt während unserer gerade erst zu Ende gegangenen Ferienfahrt auf die Île Sainte Marie, einer exotischen Pirateninsel vor der Ostküste Madagaskars.
Zweieinhalb volle Tage waren wir unterwegs, zunächst nach Tana, dann in die große Hafenstadt Tamatave, schließlich per Bus und Boot über Buckelpiste zu den Buckelwalen. Obwohl wir in einem (farblich nicht zu übersehenden) ehemaligen Feuerwehrauto unterwegs waren (man muss sagen, dass es bei Vozama wenige Autos gibt, die farblich nicht sofort ins Auge fallen würden, sei es knatschgrün, feuerrot oder himmelblau), zog sich insbesondere für die Kinder die lange Autofahrt doch recht lange hin, und dies umso mehr, als wir hier im Hochland nicht nur mit Löchern, LKWs und Straßenkontrollen zu kämpfen haben, sondern auch mit einer großen Anzahl von Kurven, die für Insassen mit empfindlichem Magen die Ferienfahrt ins Strandparadies zu einem Höllenritt werden lassen können und einem wortwörtlich das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. So erstaunt es auch nicht, dass die Straßen abschnittsweise mit kleinen aufgeplatzten Plastikbeuteln übersät sind, aus denen der ockerfarbene Mageninhalt der Taxi-Brousse-Passagiere herausquillt, der sich zumindest farblich ins Landschaftsbild einordnet x-(...
Besonders schlimm wurde es für meine Frauen dann aber, als wir die zweistündige Bootsfahrt von der großen Insel auf die kleinere Insel in Angriff nahmen, weil das Meer extrem aufgewühlt war und dies auf ihren Magen übertrug. Aber als echte Piraten haben wir auch das mutig überstanden und wurden dafür mit einem paradiesischen zweiwöchigen Urlaub auf einer exotischen Insel mit Traumstränden, Korallenriffen und Bilderbuchwasser entschädigt.
 












Unseren an abgeholzte und verbrannte Hochebenen gewöhnten Augen tat dabei insbesondere das üppige Grün und die reiche Vegetation gut, die mit dem türkisblauen Meer und den dunklen Felsen darin einen wunderbaren Kontrast bildeten.















Höhepunkt für drei von uns vieren war dabei die Beobachtung der Buckelwale, die in diesen Monaten vor der Ostküste Madagaskars kreuzen, um dort (in wärmeren Gewässern) ihre Jungen zur Welt zu bringen. Nicht nur konnte man von unserem Bungalow aus die Sprühfontänen, Flossenspiele und Ein- und Abtauchaktionen der Wale sehen, wir haben uns auch den Luxus gegönnt, mit dem Boot auf Whale-Watching zu fahren (was eine Abwechslung zu unserer Arbeit des Human-Rights-Watching darstellt) und wurden mit mehreren spektakulären Sprüngen der Wale belohnt. Nur Noemi, die ebenso furchtbar süß wie furchtbar dickköpfig sein kann, bekam gerade in dem Moment, wo der erste Wal sprang, die Eingebung, ihr Vesper zu fordern, für das wir eine Kokosnuss mitgenommen hatten. Wale und Delphine waren ihr in diesem Moment egal, sodass das laute Platschen des ins Wasser eintauchenden Wals durch ihr lautes Schreien: „voglio il coco!“ („ich will die Kokosnuss“) übertönt wurde...
Walbuckel eines Buckelwals
Kokos-Genos













Wir haben diese Tage aber trotz Kotz und Rotz riesig genossen, konnten ein bisschen Abstand gewinnen, und können nun wieder die alltägliche Arbeit hier in Angriff nehmen.

Wir hoffen, dass ihr alle auch erholsame und erlebnisreiche Ferien hattet oder noch habt, und freuen uns immer über eure Kommentare und Nachrichten.
Hier zur Erinnerung noch einmal der Link zu unserem Fotoalbum, das ich allerdings erst in den nächsten Tagen aktualisieren werde.

Ein lieber Feriengruß aus Fianarantsoa,

PaDaSaNo. 

Strandschmuck
Kopfschmuck



1 Kommentar:

  1. Sehr schön wieder etwas von Euch zu "hören"! Freue mich, dass es Eich weiterhin gut geht!!!
    Patrick, dir noch nachträglich alles Liebe zum Geburtstag!
    Ich hoffe, dass Ihr schön gefeiert habt!
    Seid gedrückt!

    Und übrigens: zuckersüß die beiden!!!!

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