Samstag, 16. November 2013

Nach den Walen, nach den Wahlen und vor den Wahlen


 Farbe bekennen

Schwarz-rot oder schwarz-grün? Die Frage, die sich in Deutschland nach der Bundestagswahl gestellt hat, ist hier im Hochland Madagaskars schon längst beantwortet: Obwohl es doch eigentlich kaum etwas Konservativeres gibt, als Inselbewohner, die in abgelegenen Regionen in den Bergen hausen und als Bauern tätig sind, so sind hier die Weichen seit etwa zwei Wochen klar auf rot-grün gestellt. Das hat allerdings nichts mit der politischen Parteienlandschaft zu tun, die so vielfältig und bunt ist, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht (33 Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen sind ja eine stolze Zahl; ursprünglich waren es sogar 41), was dann trotz massiver Abholzung der Hoffnungen der Landesbewohner zu wahrer Aussichts-losigkeit führt, sondern viel mehr mit der wirklichen Landschaft, die sich seit einigen Tagen in einem grünen Rausch befindet.
Denn mit den ersten heftigen Gewittern, die gleich zweimal unser Internet-Modem bei Vozama derart in Angst und Schrecken versetzt haben, dass es kokelnd und schwelend seinen Geist aufgegeben hat, hat auch die Regenzeit eingesetzt, welche die Natur regelrecht explodieren lässt. So haben sich die vor kurzer Zeit noch recht trostlosen grau-rötlichen Täler, in denen große, trockene Erdschollen die Reisterrassen übersäten, in grüne, wogende Reis-Halm-Meere verwandelt, die sich wie Zungen zwischen den warmroten Hügeln dahinziehen, auf denen hier und da kleine Gruppen aus Lehmhäusern derart mit der Landschaft verschmelzen, dass sie kaum als Menschengebilde ausgemacht werden können.
Momentan sind somit die Farben der madagassischen Flagge tatsächlich repräsentativ für das, was sich dem Auge des Betrachters hier bietet.

Blumenverkauf zu Allerheiligen.


Mit dem Regen kamen auch die Blumen.
Schwergewichte

Betrachtet man die Situation des Landes allerdings unter eher politischen Gesichstpunkten, so hängt dieselbe Flagge immer noch eher auf Halbmast, auch wenn in den letzten Tagen und Wochen oft das madagassische Ehrgefühl angerufen und heraufbeschworen wurde. Beides, Realität und Appell, hängen mit den Präsidentschaftswahlen zusammen, die am 25. Oktober die erste Runde absolviert und dazu geführt haben, dass am 20. Dezember nur noch zwei Kandidaten in den Ring steigen, um das höchste Staatsamt und damit die höchsten Selbstbereicherungsmöglichkeiten unter sich auszuboxen.
Nach der Wahl. Das Hochglanzimage verbleicht.
Dass solche Möglichkeiten schon in den letzten Jahren zur Genüge ausgeschöpft wurden, zeigt die Wahlkampfkampagne mancher Kandidaten, die sich laut relativ offiziellen Quellen für einige von ihnen auf bis zu 10 Millionen USD belaufen. Zu solchen Kosten gehören dann z.B., dass sich solche Kandidaten im Hubschrauber von Stadt zu Stadt bewegen oder großzügigst mit Wahlgeschenken umgehen; so hatte einer der Kandidaten offenbar über 300 Allradwagen bestellt, um sie für den Wahlkampf zu benutzen (und sie im Falle eines Sieges an die Armee zu verschenken!), allerdings wurden diese von der momentanen Regierung im Hafen blockiert, bis die Wahlen vorüber waren (oder sie mussten erst die eigenen Schiffe auslaufen lassen, die mit Tonnen von Rosenholz beladen sind, das illegal nach China verschifft und dort zu schwindelerregenden Preisen verkauft wird). Weniger dramatisch, dafür umso sicht- und hörbarer gestaltete sich dahingegen die alltägliche Kampagne, bei derT-Shirts, Schirmmützen und Fähnchen mit den Gesichtern der Kandidaten an das wahlwillige (oder so wahlwillig gemachte) Volk verteilt, alle beklebbaren Flächen der Stadt mit unzähligen nichtssagenden Plakaten bekleistert oder große Werbeveranstaltungen organisiert wurden, für die, um nicht vor leerer Kulisse abzulaufen, Geld an die Zuschauer oder Umzugswilligen verteilt wurde; weniger lustig fanden wir hingegen die Buschtaxis, die, anstatt nach Ambositra, Antsirabe oder Antirananana zu fahren, gegen Bezahlung die Stadt unermüdlich von morgens bis abends durchkreuzten, mit riesigen Lautsprechern schlecht-scheppernder Qualität auf dem Dach, um bekannt zu geben, wer der beste unter den zukünftigen potentiellen Dienern des Volks sei. Wenn sich so ein dröhnendes Untier näherte, begannen sogar die Fensterscheiben, im Takt der meist volkstümlichen Musik zu schunkeln, sodass alle Hausbewohner an Fenster und Türscheiben springen mussten, um zu verhindern, dass diese vor lauter Lärm, Scheppern und Gejaule in tausend Stücke zersprangen.
Ob sich das alles letztlich auszahlt, also ob eine wirkliche Besserung nach 4 1/2 Jahren Misswirtschaft durch die Übergangsregierung in Sicht ist, mag dahingestellt bleiben, befindet sich doch unter den beiden übrig gebliebenen Stichwahlkandidaten auf der einen Seite der Schützling des momentanen Präsidenten; sein Widersacher ist der Vertreter von dessen vom Fenster weggeputschten Vorgänger...

Organisationsevaluation und Evaluationsorganisation

Was unsere Arbeit hier betrifft, so geht es dabei eigentlich immer interessanter und arbeitsintensiver zu. Daniela ist gerade dabei, nach einer Handwasch- und einer Entwurmungskampagne in den Dörfern (beides wäre auch für die Politik nötig) ein Programm zur Zahnpflege und -erhaltung zu entwerfen, was wohl eines der wichtigsten Themen der Gesundheit auf dem Lande hier ist, wie die nebenstehenden Bilder belegen, die keines Kommentars bedürfen.

Der Befund ...

... und die Reaktion.
Vozama-Lehrerinnen während eines Rollenspiels.




 Patrick kümmert sich weiterhin neben pädagogischen Schönheitskorrekturen im Vozama-Schulsystem hauptsächlich darum, die Organisationsstruktur von Vozama im Großen (Verwaltungsrat, Direktionskomitee und Konsorten) und im Kleinen (Effizienz und Funktionalität der Aufgabenverteilung in der alltäglichen Arbeit) in dem Sinne voranzutreiben, dass nicht nur ein harmonisches Ganzes entsteht, das den legalen Anforderungen entspricht und Vozama voranbringt, sondern vor allem auch nach der Ära von Frère Claude von den Einheimischen in Eigenverantwortung übernommen und fortgeführt werden kann. Dabei lässt sich die Erfahrung von Daniela in Bezug auf Gesundheitsvorsorge und Hygiene problemlos auf die Organisationsstruktur von Vozama übertragen: Gewohnheiten und althergebrachte Systeme sind schwerer zu ändern als Brunnen zu bauen oder Medikamente zu verteilen.
Eine weitere eigentlich selbstverständliche, letztlich aber doch in der Realität spontan und natürlich schwer zu akzeptierende Lehre hat Patrick dabei inzwischen verinnerlicht: Auch in der Hierarchie wichtige Persönlichkeiten, sei es ein Erzbischof, ein Minister oder eine Art Schulamtspräsident, sind letztlich nur ganz normale Menschen ... mit dem feinen Unterschied, dass man letztlich aber doch vollkommen von der Einsicht oder dem guten Willen dieser Menschen abhängt, um voranzukommen, was bei Lieschen Müller oder Hans Maier oder Olivier Dupont oder Rakoto Razafindrandriatsimaniry nicht der Fall ist, obwohl sie eigentlich genauso normal sind.
Daneben gehe ich gerade noch eine andere sehr interessante Aufgabe an, auch wenn sie in einer ersten Phase sehr zahlenlastig und excelintensiv war: Wir sind gerade dabei, ein System für eine jährliche Auto-Evaluation von Vozama auf die Beine zu stellen, die dem Team erlauben soll, zu überprüfen, ob sich seine NGO in die richtige Richtung richtet und das erreicht, was reicht und erreicht werden soll; gleichzeitig sollen die so ausgemachten Daten und Befunde der Fütterung der Finanz- und Sachberichte dienen, die die NGO ihren großen Geldgebern jährlich zum Fraß vorwerfen muss. Ein großes Unterfangen, dass aber viele wichtige Erkenntnisse bringt.

Neues von den Kleinen

Zu den Kindern gibt es seit dem letzten Eintrag wenig Neues zu erwähnen, außer vielleicht, dass
  • Noemi sich in einer heldenhaften Aktion von ihrem Schnulli getrennt hat (nun ja, heldenhaft wäre gewesen, wenn sie, wie es eigentlich vorgesehen war, ihren Schnulli in den Sommerferien den Walbabys auf der Insel Sainte Marie gespendet hätte; letztlich lief die Sache doch recht unspektakulär ab, nämlich so, dass sie nach einem ganz normalen Mittagessen auf eine vollkommen unmotivierte Eingebung hin mit Sarah hinaus in den Vorgarten gegangen ist, und ihre Schnullis 30 cm weit ins Gras geworfen hat), was uns danach einige schlaflose Nächte beschert hat; inzwischen läuft es aber – wie ja alle alten Weisheiten prophezeien – besser denn je;

    Strahlefrauen. Auch ohne Schnulli.
  • eben dieselbe Noemi ihren dritten Geburtstag inmitten von madagassischen Freunden gefeiert hat (ja, wir machen Fortschritte; diesmal war kein weißer Gast eingeladen!);


     
  • beide Kinder inzwischen nur noch auf Französisch plappern, sowohl untereinander, als auch mit uns Eltern;
  • Sarah alles zu entziffern versucht, was im Entferntesten wie ein Buchstabe aussieht, und alle Möglichkeiten und Oberflächen (!) benutzt, um ihre Schreibkünste unter Beweis zu stellen (wobei sich wieder einmal bemerkbar macht, wie weit im Französischen das Schrift- vom Lautbild entfernt ist: warum sollte man Wasser nicht einfach „o“ schreiben? Oder „anivercer“ für Geburtstag?? Oder „ere“ (sprich „örö“) für glücklich???) Was wir jedenfalls bewundern und schätzen, ist, dass in der Schule (nun ja, eigentlich ist sie noch im Kindergarten) auf ganz spielerische und ungezwungene Weise ihre natürliche Neugierde angestachelt wird, was sie alles Neue wie ein Schwamm aufsaugen lässt, der sich beim Essenstisch von selber wieder auswringt (was dann die sie sicherlich tierisch nervenden Kommentare von Papa und Mama erzwingt: „Sarah, vergiss nicht zu essen!“, „Sarah, deine Pasta!“, „Sarah ... ja, 4 und 4 macht 8 ... und wieviel Nudeln bleiben noch übrig, wenn du jetzt zwei in den Mund steckst?“ - wahrscheinlich alle diese blöden Elternsätze, die sie bald nicht mehr hören kann...).
  • Zumindest Sarah zu Papas übergroßer Freude seit einigen Wochen keine Prinzessin mehr sein will, sondern – die Ferien auf der Pirateninsel Sainte Marie haben sich ausgezahlt! - Piratin (oder zur Not auch Hexe)! Auch wenn sie sich seitdem darin übt, zu rülpsen, sich den Mund mit dem Unterarm abzuwischen oder grimmig dreinzublicken, so nehmen wir das gerne in Kauf, um in einem ohnehin vom chinesischen Billigkitsch geprägten Kontext (rosa Plastik-Fotohalter in Herzform, Rüschen-Kleider aus falscher Glitzer-Seide, Regenschirme mit einem Prinzessinen-Kopf-Knauf usw.) dem – der Globalisierung sei Dank – unausweichlichen Einfluss von Disney und Co. doch ein bisschen zu entweichen.





"Papa, ich will ein Abenteuer!"
















En garde!

Auch Noemi verkleidet sich - macht aber irgendwie weniger Angst!
So, das war mal wieder ein Update. Neuere Neuigkeiten gibt es dann wohl wieder um Weihnachten herum, wenn der Weihnachtsmann den Madagassen durch den Kamin einen neuen Präsidenten und Sarah und Daniela ein neues Lebensjahr beschert hat.

Ganz liebe Grüße

PaDaSaNo

P.S.: Ach ja, noch etwas: Seit gestern, dem 15.11., dürfen offiziell wieder Litschis verkauft werden. Zur großen Freude von Noemi, die locker ein Kilo alleine am Stück verdrücken würde - mit so viel Genuss, dass ihr das Wasser nicht nur im Munde zusammen-, sondern ihr der Litschi-Saft an Händen, Armen, Kinn und Brust herunterläuft.Wir überlegen, sie von nun an ihre Litschis nackt in der Duschwanne essen zu lassen...



















Und zum Schluss noch ein paar weitere Bildergrüße:

Noemi putzt Sarah auf dem WC...

Vier Lemuren.









Sarah und Noemi mit ihrer "Nounou" Lucille und deren Kindern.


In einer Papierfabrik (Antaimoro-Papier) mit Mliah, Sarahs bester Freundin.

Und zum Schluss die Werbung. Hätte jemand die Bedeutung der Abkürzung erraten???
 

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