Mittwoch, 9. April 2014

Von Krokodilszähnen und -tränen



Hallo, liebe alle!


Seit unserer letzten Wasserstandsmeldung aus der Regenzeit ist inzwischen schon wieder viel Zeit vergangen und das neue Jahr ist schon wieder alt. Höchste Zeit also, jetzt, wo das zweite Drittel unseres Aufenthalts hier sich dem Ende neigt, mal wieder ein Zwischenergebnis zu liefern und den Spielverlauf zu erklären.





 Arbeitsmäßig sieht es dabei so richtig recht rosig aus. Daniela arbeitet nach der Handwasch- und der Entwurmungs- und Antiparasitenkampagne nun im Zahnbereich, erklärt fleißig, warum, wie, womit, wann und wem man Zähne putzen sollte, verteilt – über mehrere Monate verteilt – 30 000 Zahnbürsten, und schickt die Vozama-Kinder mit Celan-Zähnen zum Zahnarzt (das bedarf zweier Kommentare: 1. Die Kinder haben fast alle noch Milchzähne – sofern sie noch als Zähne identifizierbar sind; falls ja, haben sie mit Milch farblich nicht mehr viel zu tun, außer man denkt an Paul Celans „Schwarze Milch“ in der „Todesfuge“...; 2. Groteskerweise haben wir von Vozama aus den Vertrag für die Zahnbehandlung der Kinder mit eben dem Zahnarzt ausgehandelt, der Daniela und Patrick so be- oder misshandelt hat, dass daraus eine nette Geschichte für diesen Blog herausgesprungen ist (s.u.); aber damals wussten wir eben noch nichts von den Langzeitwirkungen seiner kurzzeitigen Behandlung...). Ob das insgesamt ermutigend ist, mag mal dahingestellt bleiben: Waren die Dorf-Kinder bei der ersten Fuhre auf der Hinfahrt (wir haben sie mit dem Auto aus dem „Busch“ in die Stadt gebracht) nocht bestens gelaunt und haben im Auto gesungen und sitzend getanzt, so waren sie auf dem Rückweg mucksmäuschenstill; was nicht so erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass manchen Fünfjährigen sechs (!) Zähne auf einmal gezogen wurden... Offenbar aber unumgänglich, wenn man will, dass die neuen, endgültigen Zähne gesund und munter das Licht der Welt erblicken.

Während einer Fortbildung in Ambositra
Auch Patricks Arbeit geht sehr gut voran; zum einen deswegen, weil ein großer Schritt in Richtung dauerhafter (oder, um es mit dem Modewort zu sagen: „nachhaltiger“) Strukturen gemacht wurde: Definition der Mitglieder, Generalversammlung, Verwaltungsrat, NGO-Statuten usw.: Fast alles, was in Patricks „job description“ stand, konnte in den letzten Monaten realisiert werden, auch wenn noch der eine oder andere Punkt zu klären ist; zum anderen, weil auf seine Veranlassung hin eine neue Angestellte für eine Schlüsselfunktion rekrutiert werden konnte, die mit ihren Kompetenzen ein Eckstein für die Perennisierung von Vozama sein könnte. Auch in der Pädagogik sind Fortschritte zu verzeichnen, vor allem, was den spielerischen und altersgemäßen Unterrichtsstil betrifft, auch wenn da die Macht der Gewohnheit noch sehr stark ist. Eine große Baustelle ist noch die Arbeit mit den Eltern, die noch nicht wirklich befriedigende Ergebnisse erzielt. Mal sehen, ob wir in den nächsten Monaten da noch den Spaten ansetzen können...
Lesen, Schreiben und Rechnen lernen - die Priorität für die Vozama-Schüler.
Blick aus einer Dorfschule über die Reisfelder.
Um zu den Schulen zu gelangen, muss man manchmal schon die Luft anhalten.
 Insgesamt sind wir also arbeitsmäßig gerade sehr zufrieden und zuversichtlich, die uns gesetzten Ziele zu erreichen.

Eindrücke aus Ambositra:


Tonga Soa - Willkommen ...
... in Ambositra, wo die "Pousse-pousse"
ein beliebtes Fortbewegungsmittel sind
und sogar eigene Garagen haben.




Blick vom Verwaltungszentrum von Vozama in Ambositra auf einen Innenhof, wo der gerade geerntete Reis zum Trocknen ausgelegt wird.


Das Land mitten in der Stadt.



Blick in den Rückspiegel.

Kinder aller Farben...
Das gleiche gilt auch für den persönlichen Bereich: Wir sind mit unserem Leben hier, in unserem äußerlich madagassischen Häuschen mit inneren europäischen Werten (fließend warmes Wasser, Stromkabel in den Wänden und nicht draußen drauf, gängige Haushaltsgeräte wie Gasofen und Waschmaschine...) und in unserer näheren wie weiteren Umgebung ebenso zufrieden wie mit unserem Familienleben. Die Kinder sind weiterhin furchtbar süß und nur selten furchtbar, machen große Fortschritte im französischen Schul-Kindergarten und sind prima integriert, mit Freunden aus allen Farbnuancen von weiß über „café au lait“ bis braun „chocolat“.


Gruppenfoto während Sarahs Geburtstag.




Besondere Erwähnung in diesen letzten Monaten verdient wohl unsere einwöchige Exkursion nach Tana (für die Noch-nicht-Insider: Abkürzung für Antanananananananananananarivo, die Hauptstadt von Madadadadadadadadagascar; à propos Namen: der neue Präsident des Landes hält offenbar den Rekord des weltweit längsten Namens eines Staatschefs: Hery Martial Rakotoarimanana Rajaonarimampianina; er macht damit dem Namen des (eben erst frisch gekürten) Präsidenten von Vozama Konkurrenz: Marie Dieudonné Michel Razafindrandriatsimaniry - wir haben inzwischen eingesehen, dass wir es mit so banalen Namen wie Patrick Schmeja oder Daniela Di Venosa wohl nicht weit bringen werden in unseren präsidentialen Laufbahnen.).
Kurz und gut, wir sind also lang und nicht so gut in der letzten Februarwoche 9 1/2 Stunden von der Provinz in die Hauptstadt gewackelt (390 km), um uns dort einer intensiven zahnärztlichen Behandlung zu unterziehen.

Die Herausforderung: Mindestens zwei Kronen (davon eine mit Schraube im Kiefer) und eine intensive Wurzelbehandlung innerhalb von 5 Tagen.


Der Beweis
Der Grund: Unser behandelnder Zahnarzt in Fianar hat Patrick bei der Wurzelbehandlung vor dem Setzen einer Krone den Wurzelkanal durchstochen, sodass Patrick seit Monaten dicke, kugelrunde, eitriggelbe Abszesse an diesem Zahn hatte und sich ausschließlich von Antibiotika ernährt hat („I hätt gern noch a moxi Zillin, bitte!“); ganz ähnlich erging es Daniela, der ebenfalls eine Krone falsch gesetzt und der Kanal darunter nicht richtig gesäubert worden war, nachdem der Zahnarzt bei der „Bearbeitung“ desselben ein Instrument abgebrochen und dessen Spitze einfach im Kanal hat stecken lassen und in der Panik, dass dies bei einem (gut zahlenden) Weißen passiert war, den nur zur Hälfte behandelten Kanal einfach zugemacht und verplombt hat...

Das Ergebnis: Der sehr kompetente und verständnisvolle Zahnarzt in Tana hat es tatsächlich geschafft, alles innerhalb von 5 Tagen zu lösen – was auch nur deswegen möglich war, weil die Kronen von guter Qulität, die wir eingesetzt bekommen haben, direkt in Tana hergestellt werden, und zwar für den Export nach Frankreich! Daniela, die zwei davon verpasst bekommen hat, trägt also richtig gutes Material im Mund, was doch etwas beruhigend ist.

Die Kosten:
Ziegelöfen an der RN 7
1. Eine lange Fahrt nach Tana und eine lange Fahrt zurück nach Fianarantsoa; wobei da vor allem die letzte Strecke ein wahrer Höllenritt ist, weil seit der Krise 2009 keine echten Unterhaltsarbeiten an der Nationalstraße 7, die das Land von Norden nach Süden durchquert, gemacht wurden. Ein Schweizer Käse aus Asphalt in Madagaskar.
Auf einer Hauptstraße in Tana
2. Eine lange Fahrt von unserem Haus – wir durften bei unserem Freund Lou Michels wohnen, ein Misereor-Mitarbeiter, der die anderen Projekte von Misereor in Madagaskar betreut – zum Zahnarzt, der seine beiden Praxen genau auf der anderen Seite der Stadt eingerichtet hat; sodass wir täglich die gesamte Hauptstadt von Süden nach Norden durchqueren durften, meistens zu den Stoßzeiten, und so im Schnitt 3 Stunden im Auto verbracht haben, um diese Strecken zurückzulegen (denn Tana ist eine nicht nur unschöne, sondern auch chaotische Stadt, die mit dem hohen Verkehrsaufkommen total überfordert ist).
3. Ein hoher Geduldsaufwand der Kinder, die zwar das Autofahren recht gut verkraftet haben, dafür die langen Wartezeiten beim Zahnarzt doch ziemlich öde fanden. Dazu kam noch, dass Sarah Fieber und Husten bekam, was die Öde für sie noch ödiger machte.
4. Eine für madagassische Verhältnisse astronomische Summe an Behandlungkosten, die aber dennoch unter dem lag, was wir in Europa gezahlt hätten.


Die Belohnung (für die Kinder): Viele kleine Aktivitäten, die sie in Fianarantsoa nicht ausüben können: auf nicht verrosteten und lebensgefährlichen Spielplätzen rutschen, ein Einkaufszentrum unsicher machen und – das Highlight schlechthin – im Einkaufswagen geschoben werden, in den dann alles gelegt werden muss, was toll aussieht, den vollkommen verwahrlosten Zoo von Tana anschauen, in dem es etwa ein Dutzend Tiere gibt, und, ein weiteres Highlight, „Krokodile kucken“, in der „CrocFarm“, wo man Schlangen in die Hand nehmen, Lemuren füttern, auf Schildkröten reiten und Krokodile streicheln kann... und essen, falls man nicht zuvor selber gegessen wird! Die Fotos sprechen für sich.


Das Universitätskrankenhaus von Fianarantsoa...


... nach einem kräftigen Regenschauer.



Da hängt nicht nur der Haussegen schief.




CrocFarm

Momo















Ich warte auf DICH!




Krokodilsdompteurinnen


Das nächste Mal ist ein Krokodil dran.




Patrickdompteurinnen

Seit diesem Abenteuer haben wir jedenfalls keine Zahnprobleme mehr und können uns jetzt um die Kinder kümmern, die welche haben (und die nicht das Geld haben, um die Zähne pflegen statt ziehen zu lassen).

Ansonsten standen in den letzten Monaten keine Reisen auf dem Programm, dafür erwarten wir mit Freude in wenigen Tagen den Besuch von Patricks Bruder und seiner Familie, mit der wir ein bisschen herumdüsen werden.

Sonstige Lokalnachrichten:
Tchoupi und Bibi
Zu Sarahs Geburtstag haben unsere zwei Häschen zwei Kaninchen bekommen, die sich prima mit unseren Kätzchen vertragen. Das Paradies auf Erden (cf Jes 11, 6-8).






Der Winter kommt: Es regnet kaum noch und es wird empfindlich frisch, vor allem abends und nachts. Zum Glück haben wir uns schon mit Brennholz für den Kamin eingedeckt, für sagenhafte 5 Euro pro Kubikmeter.


Noemi fährt und schaukelt auf Bananen ab.
Damit gibt es leider auch weniger Obst und Gemüse. Gerade fahren jeden Morgen noch LKWs mit Tonnen von Ananas an unserem Haus vorbei, die dann in der Stadt verkauft werden. Stolz sind wir auf unsere ersten „eigenen“ Bananen und Papayas aus unserem Garten. Und natürlich auf unsere zwei Früchtchen...


Soweit erst einmal die Job-, Zahn-, Tier- und Obstnachrichten für heute.




Bilder gibt es immer noch im Picasa-Album: Bilder von PaDaSaNo

Für Vozama habe ich inzwischen auch eine Bilder-Datenbank geschaffen, die von verschiedenen Seiten schon gut gefüllt wurde, aber noch lange nicht voll ist, und die einen netten Überblick über die Aktivitäten von Vozama verschafft: Bilderdatenbank Vozama

Wir freuen uns immer, wenn ihr von euch hören lasst, uns anruft, „skypt“, Emails schreibt oder auf einen Kaffee vorbeikommt.

Herzliche Grüße

PaDaSaNo.

Zum Schluss, wie gehabt, noch ein paar Bildergrüße:

Sarah und Noemi beim Tanzkurs, den eine australische Profimusikerin gibt:

 

 





 

Die Kinder stellen Antaimoro-Papier her:

      


Ein Spaziergang "hinterm Haus":